Peak District

17 Tage England

September 2017. Im kommenden Monat wollen wir uns längere Zeit in England umsehen. Fotografieren. Vor der Reise muss ich mich entscheiden, was ich mitnehmen will und das fällt mir gerade schwer …

Nehme ich meine EOS 6D noch mal mit, oder lasse ich sie zu Hause? Wenn ich sie mitnehmen würde, dann nur in Kombination mit dem Canon EF 17-40mm f/4L USM. Der Breite wegen.

Irgendwie bin ich aber total satt von vom Equipment-Geschleppe. Das nervt nur noch. Allerdings werden wir mindestens einen Wasserfall sehen, der sich nur aus der Nahdistanz aufnehmen lässt. Wenn es in England also nicht gerade regnet und ich die besagten Wasserfälle tatsächlich fotografieren kann, werde ich das 17-40mm brauchen. Zudem habe ich hier auch die nötigen Filter für Langzeitbelichtungen am Start. Argh! OK, ich werde sie mitnehmen.

Aufzunehmen gab es in den 17 Tagen in England reichlich. Wir waren im Peak District, in Whitby, in den Yorkshire Dales und die letzten 5 Tage in Arnside. Da gab´s dann Urlaub vom Reisen.

2. Oktober 2017. Wir landen in Manchester. Wir, das sind zwei Koffer, zwei Kameras und zwei Personen. Unser Leihwagen? Ein Fiat 500 in der S-Version. Mit dem gelangen wir besonders schnell vom Parkplatz auf die Straße. Der Navigator ist auch schon startklar. Er schickt uns nach links. Folgsam biegen wir ab. Sogleich tönt ein „Bitte wenden“ aus dem Lautsprecher.

Und schon ist sie wieder da, die vergessen geglaubte Mordlust auf unseren Navigator. Die kommt im weiteren Verlauf unserer Fahrt zum Peak District auch immer wieder hoch.

Dem elektrischen Lotsen ist es völlig gleichgültig, ob wir „schnellste Route!“ sagen. Das überhört der. Das will der gar nicht wissen. Stattdessen schickt er uns auf einspurige „Schleich“-Wege. Die sind nur mit maximaler Aufmerksamkeit von ortsunkundigen Reisenden zu bewältigen. Hier werden wir von ungeduldigen Landwirten auf rasenden Treckern verfolgt, oder von Einheimischen mit erstaunten Blicken bedacht. Kein Wunder: Die Hauptstraße verläuft 50 Meter unter uns …

Wie so oft hat auch dieses Ärgernis zwei Seiten, denn „viele Meilen von zu Hause entfernt dringen wir in Landschaften vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat …“ Auch nicht Käpt’n Kirk!

Peak District

Die von uns gebuchte Jugendherberge erreichen wir trotz der Umwegproblematik einige Stunden zu früh. Das Zimmer ist erst um 15 Uhr fertig. Bis dahin verbringen wir Zeit in der Küche, im Lesezimmer und im Web.

An diesem und am nächsten Tag schauen wir uns im Peak District um. Unser zweiter Besuch in diesem Nationalpark. Wunderschön! Mit Ausrufezeichen. Das Titelbild zeigt einen Tag mit etwas Sonne.

Im Gegensatz zum Lake District ist es hier deutlich „offener“. Der Blick reicht meist über viele Kilometer. Hier hat man es fast ausnahmslos mit „sanften Hügeln“ zu tun, die eine Höhe von knapp über 600 Metern erreichen. Die Grünflächen auf diesen Hügeln werden immer wieder von teilweise uralten Steinmauern eingefasst. Das sieht einfach fantastisch aus.

Trotz der Tatsache, dass es hier durchgängig kein Fotolicht gibt, für das ich meine Kamera in die Hand nehmen würde, bin ich hin und weg. Hierher möchte ich zurückkehren. Noch mehr Mauern fotografieren. Oder sie einfach nur ansehen. Die an der Straße. Die auf den Wiesen. Die auf den Hügeln. Andere gucken Fernsehen. Ich gucke Mauern.

Whitby

Schon die Zufahrt ist nicht weniger als spektakulär! Es gibt reichlich was für´s Auge. Die Ruine. Die Herberge. Den Friedhof. Das Meer. Den Pier. Und alles in einem Umkreis von wenigen Hundert Metern. Da freut sich das Fotografenherz!

Jugendherberge und Ruine (Abbey) liegen rund 200 Treppenstufen über dem Ort. Von oben hat man eine grandiose Aussicht.

Ich bin früh am Morgen runtergegangen, um Whitby und vor allem den Pier aufzunehmen. Der Ort selbst hat mich auf dieser Seite sehr an das Treppenviertel in Hamburg Blankenese erinnert. Sogar die Häuser zeigten einen ähnlichen Look. Der Friedhof neben der Abbey und der Jugendherberge hat mich wegen der hohen Lage wiederum an Necropolis in Glasgow erinnert. Immer diese Vergleiche …

Da wir zwei Tage im Ort sein wollen, die Jugendherberge uns aber nur für einen Tag unterbringen konnte, sind wir am nächsten Tag in ein Hotel gezogen. Auf der anderen Seite des Ortes. Hier sah man auf das Meer und – rechter Hand – auf unsere vorige Unterkunft.

Vor unserer neuen Unterkunft, steht eine unübersehbare Zahl von bunten, kleinen Umkleidehäuschen, die für mich ein großartiges Fotomotiv waren.

Whitby

Yorkshire Dales

Die Yorkshire Dales sind der mittlerweile dritte Nationalpark, den wir uns in England ansehen. Während „The Lakes“ durch eine beinahe norwegische Anmutung glänzen und der Peak District herrlich sanfte „Hügel“ zeigt, liegen die Yorkshire Dales landschaftlich genau dazwischen. Nicht so felsig und urwüchsig, wie in den Lakes und etwas rauher, als die sanften Hügel im Peak District.

Auch die Yorkshire Dales sind voller Mauern, die das Land nach einem mir unbekannten System parzellieren. Ohne diese Mauern wären es einfach nur hübsche Hügel. Die Mauern machen daraus ein landschaftliches Kunstwerk, dem ich rettungslos verfallen bin.

Yorkshire Dales
Cauldron Falls Yorkshire Dales Yorkshire Dales Yorkshire Dales Yorkshire Dales Yorkshire Dales Yorkshire Dales

Da wir die Yorkshire Dales erstmals besuchen, haben wir für 7 Tage ein zweistöckiges Cottage in West Burton gemietet. Unten zwei Schlafzimmer und Bad (das linke Haus).

Cauldron Falls

Oben das Wohnzimmer mit Kamin und die Wohnküche. Das wünschen wir uns auch für zu Hause! Schön zusammen in der Küche am Tisch sitzen. Futter und Getränke zwei Schritte „entfernt“.

Das Cottage liegt rund 50 Meter vor den Cauldron Falls. Dieser Wasserfall wird von hartgesottenen Engländern bis Anfang Oktober als Badestelle genutzt. Womöglich noch darüber hinaus. Alle anderen besuchen diesen Ort entweder zum Fotografieren, oder zum Wandern.

Cauldron Falls

Fotografisch sind die Cauldron Falls ein richtig schönes und weithin bekanntes Motiv. Starke Regenfälle haben das „Gesicht“ dieses Wasserfalls zügig von lieblich zu tosend verändert.

Im Cottage erzeugte das Rauschen des Wasserfalls nahezu durchgängig den Eindruck von heftigem Regen. Ich habe ab und an aus dem Fenster gesehen, um das für mich zu widerlegen.

Brimham Rocks

Hier stand sofort ein weiterer Vergleich an: „Wie El Torcal in Andalusien!“ Die Ähnlichkeit ist tatsächlich verblüffend.

Brimham Rocks

Wenn ich Landschaften dieser Art sehe, wehen mich immer die Jahrmillionen an. Ein solcher Ort entsteht nicht in 100, 1.000, oder 10.000 Jahren. Für mich sieht es aus, als wenn diese Felsen von einem urzeitlichen Meer geformt wurden. Wohin das Meer verschwunden ist, oder ob sich diese Landschaft einfach nur dramatisch erhoben hat? Keine Ahnung. Als Fotograf fragt man nicht nach dem Grund, sondern nur danach, ob Licht und Motiv eine Aufnahme lohnenswert erscheinen lassen. Vor allem beim Licht hatte ich erhebliche Zweifel. Fotografiert habe ich natürlich trotzdem.

11. Oktober 2017. Am späten Nachmittag riss der Regenhimmel überraschend auf. Wenige Minuten später saßen wir schon im Auto und fuhren in Richtung Cray. Die Fahrt entwickelte sich schnell zu einem abenteuerlichen Wassertauglichkeitstest unseres Autos. Der Regen der vergangenen Tage floss in Form gewaltiger Bäche und Wasserfälle ins Tal. Die einzige Straße war alle paar Meter entweder mit „Seen“ unklarer Tiefe, oder schnell fließenden Bächen überflutet. Hier wünschte ich mir ein Auto mit deutlich mehr Bodenfreiheit …

Richtig brenzlig wurde es ausgerechnet an der höchsten Stelle des Passes. Hier gab es eine von Wänden eingefasste Senke, die schlicht mit Wasser volllief. Unser Leihwagen schien auf Tauchfahrt zu gehen. Ich mochte nicht mal mehr die Tür öffnen, um den Wasserstand zu checken. Nach wenigen Metern habe ich vorsichtshalber den Rückwärtsgang eingelegt. Diverse SUVs konnten hier scheinbar unbeeindruckt passieren. Deren Unterbodenkante lag in der Regel aber doppelt so hoch, wie bei unserem 500er.

Auch wenn wir mein Ziel (ein Wasserfall in den Bergen) nicht erreicht haben, war der Ausblick von hier oben richtig klassse.

Malham Cove

Malham Cove ist ein Ort, der durch eine „Zaubergeschichte“ noch mal deutlich bekannter wurde, als er es in England eh‘ schon ist.

Cauldron Falls

Das Tal ist gleichzeitig der Zugang zum dahinter liegenden Berg, der oben eine flache Kalksteinfläche zeigt. Wer sich das anschauen möchte, muss eine Treppe mit unregelmäßigen Steinstufen erklimmen, die in eine Höhe von 80 Metern führt.

Arnside

Unser abschließendes Ziel nahezu jeder England-Reise. Arnside ist ruhig – nicht unbedingt an Geräuschen, aber vom Gefühl.

Arnside

Hier ist nichts getrieben. Hier schlendert man. Ohne jede Eile. Diese Ausstrahlung tut einfach gut.

Abschluss

Autofahren in England …

Ich habe mich längst daran gewöhnt, rechts zu sitzen und links zu schalten. Was mir nach wie vor Probleme bereitet, ist das teilweise absurd hohe Tempo, das hier gefahren wird. Auf einer Strecke mit 25 % Gefälle und vielen engen Kurven zwischen Mauern und Häusern waren 30 Meilen angesagt. Das entspricht knapp 50 Km/h. Ich käme mir wie ein tollwütiger Rennfahrer vor, wenn ich mit der Geschwindigkeit so einer Straße entlangfahren würde.

Da ich kein Selbstmörder bin, habe ich längst auf Ignoranz geschaltet. Ich fahre das Tempo, das ich für angemessen halte. Selbst die hartnäckigsten Drängler am Heck unseres Leihwagens halte ich aus und mache sie so aufs Neue mit der wunderschönen Landschaft bekannt, die wir gerade gemeinsam durchfahren. Ich vorneweg. Sie als kilometerlange unübersehbare Schlange hinter mir her. Ich mag sie, meine „Follower“!

Das Ganze hat noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: Dabei geht es um die extrem hohe Fasan-Population in diesem Nationalpark. Diese Hühnervögel treten zumindest in den Yorkshire Dales in großen Herden auf. Ich habe in meinem ganzen bisherigen Leben nie so viele Fasane gesehen, wie hier in wenigen Tagen. Es müssen deutlich über Hundert gewesen sein. Mindestens. Und das waren nur die auf den Straßen. Auf dem Rasen hinter den Mauern wird die Zahl vermutlich noch erheblich höher gewesen sein.

Wer eine solche Herde mit dem Auto aufschreckt, dessen Scheibenwischer bekommen reichlich zu tun …

„Die Engländer“

Nein, ich behaupte nicht, dass die alle gleich sind. Mir ist nur bei jeder Reise aufgefallen, dass Engländer oft Dinge essen, die ich (nicht nur) zum Frühstück eher unattraktiv finde. Und gebratenem Speck würde ich gar nicht runterkriegen. Egal, welche Tageszeit. Bohnen finde ich ganz OK, aber die gehören jetzt auch nicht unbedingt zu den Dingen, die ich im Supermarkt erlegen würde.

Trotz (oder wegen) dieser Essgewohnheiten sind viele Engländer gern draußen. Man sieht sie bei strömendem Regen Fußball spielen, oder Anfang Oktober unter dem Wasserfall baden. Andere walken zur gleichen Zeit im T-Shirt durch ihre Nationalparks. Oder am Strand. Der Stadt. Überall, wo Auslauf ist. Da trifft man sie. „Draußen“ ist ihr zweiter Vornahme!

Ich habe Engländer getroffen, die selbst in überraschend hohem Alter Strecken zurückgelegt haben, die ich nur ungern abwandern würde. Aber vielleicht hat das alles gar nichts mit dem Frühstück zu tun, vielleicht liegt es einfach nur an der unglaublichen Schönheit der Englischen Nationalparks.

Neue Bilder in meinen iBooks

Derzeit sichte ich noch, was ich aufgenommen habe. Da das Wetter oft nicht so richtig „mitgespielt“ hat, bin ich unsicher, wie groß die Ausbeute wirklich sein wird. Sobald meine Updates durch sind, gibt’s auf kontrastkammer ein entsprechendes Posting.

Jörn Daberkow

8 Comments on “17 Tage England

  1. Es gibt so unfassbar schöne Orte auf der Welt … Danke für deinen Bericht. Hört sich nach einem rundum gelungenen Urlaub an.

    • Hallo Lotta, guten Morgen,

      England ist in meinen Augen wirklich unfassbar schön. Leider ist das Wetter recht zickig. Diesmal habe ich erschreckend wenige Bilder mit nach Hause gebracht, die auch iBook-tauglich sind. Ich möchte trotzdem wieder dorthin.

  2. Schöner Bericht. Und auch die Fotos gefallen mir sehr. Und ich sehe schon der Bericht in der Hamburger Presse: „Mechelnbusch über Nacht von seltsamen Mauern umrandet!“

    • Lach! 😀

      Ja, ein ausreichend großes und hügeliges Grundstück vorausgesetzt, würde ich ernstlich darüber nachdenken. Ach man … Muss nett sein, so als Milliardär …

  3. Freut mich, dass man den Reisebericht im Web und nicht nur in einem iBook lesen darf. Ich lese deine Berichte einfach gerne und finde sie sehr unterhaltsam.

    • Hallo Ulf,

      danke für dein wiederholtes Lob zu meinen Reisetexten. Freut mich natürlich, dass dir diese Berichte gefallen. Dass dieser Beitrag nun hier online gegangen ist und nicht in meinen iBooks erscheint, liegt diesmal nur an den (wegen des Wetters) größtenteils nicht ausreichend schönen Bildern. Für andere benötige ich eine Freigabe. Um die bemühe ich mich gerade. Mal sehen, ob und was dann in den iBooks ankommen wird.

      Jörn

    • Hallo Conny,

      danke!

      Ja, das in West Burton hat wirklich Spaß gebracht. In Arnside war es auch schön, aber halt auch viel kleiner. Dafür hatten wir dort jeden Tag ein fantastisches Frühstück.

      Ich freue mich auf jeden Fall auf die nächste England-Reise. Ist echt schön da.

      Jörn

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