Argumente: Anwesenheitspflicht an deutschen Unis?

Nordrhein-Westfalen plant aktuell, die für drei Jahre ausgesetzte Anwesenheitspflicht an Universitäten wieder einzuführen, bzw. das Verbot von Anwesenheitspflichten abzuschaffen. Ich selbst studiere an einer Universität im Süden, an der für einige Fächer generell eine Anwesenheitspflicht gilt, und möchte die aktuelle Diskussion zum Anlass nehmen, meine eigenen Erfahrungen zu schildern. Vorweg: Ich bin Gegner der Anwesenheitspflicht, werde mich aber zunächst mit den positiven Argumenten befassen, ehe der zweite Teil des Artikels sich den Punkten gegen eine Anwesenheitspflicht widmet.

Pro: Extrinsische Motivation
Der/die ideale Student/in ist natürlich aus sich heraus motiviert und möchte an Seminaren teilnehmen – aber es gibt auch diejenigen Studierenden, die zwar kompetent und fähig sind, sich aber nicht so recht selbst motivieren können, die Veranstaltungen zu besuchen. Intrinsische Motivation kann man fördern, dazu gibt es aber an den wenigsten Universitäten eigene Programme – und wenn wir mal ehrlich sind, geht die eher faule Sorte Studi da auch nicht freiwillig hin. Ich habe selbst ein Seminar zum Thema „Selbstreguliertes Lernen“ besucht und sehr motivierte Studierende angetroffen, die aus der Veranstaltung mitnehmen wollten, wie sie später im Alltag als Lehrperson ihre Schüler/innen zur Selbstbestimmtheit motivieren können. Als Selbsthilfe habe dieses Seminar scheinbar nur ich besucht – mit mäßigem Erfolg. Ich prokrastiniere immer noch ständig.

Als Motivationsfaktor von außen kann eine Anwesenheitspflicht durchaus wirken. Wenn man anwesend sein muss, nimmt man aus der Veranstaltung auch etwas mit, egal ob man da verkatert sitzt oder nicht. Bei Studierenden, die sich daheim nicht zum Lernen motivieren können, kann ein aufgezwungener Besuch der Veranstaltung schon leichte Abhilfe schaffen.

Pro: Organisationsform Seminar
Die wenigsten Fächer bestehen auf der akademischen Ebene heute noch ausnahmslos aus Vorlesungen, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Vierhundert Studis in einem großen Hörsaal, vorne ein Prof, der seinen Text runterrattert, man schreibt mit und hält den Mund. Das gibt es heute nur noch sehr selten. Die Organisationsform wechselt in vielen Studienfächern zunehmend in Richtung Seminar statt Vorlesung.

Ein Seminar (zumindest die, die ich aus meiner Fächerkombination kenne) ist für zehn bis dreißig Studierende ausgelegt. Wenn nicht gerade die Online-Anmeldung Schluckauf hat und im Raum für dreißig Leute sechzig verwunderte Studis stehen und sich fragen, wo sie sitzen sollen (das ist mir bisher nur zweimal passiert – toi, toi, toi), erlaubt die Organisationsform Proseminar eine ganz andere Herangehensweise. Solche Veranstaltungen sind auf dem Austausch von Informationen aufgebaut, nicht auf dem bloßen Aufnehmen solcher.

Die Studierenden lesen daheim (oder eher: überfliegen auf dem Weg zur Uni) vorbereitende Texte, die anschließend in der Gruppe diskutiert werden. So eröffnen sich neue Interpretationswege, die man im Selbststudium zuvor nicht gesehen hat, weil andere Perspektiven die Diskussion betreten und die eigene bereichern.

Wenn nun aber von diesen zehn bis dreißig Leuten nur drei kommen, so ist die Planung der Sitzung für die Katz. Die Lehrperson strukturiert die Stunden idealerweise so, dass alle Anwesenden mitarbeiten können und müssen. Jede/r kann etwas zum Seminar beitragen. Verteilt diese Aufgabe sich aber nur auf wenige Leute, artet die leichte Forderung und Förderung, ausgelegt auf eine größere Gruppe, in Stress aus. Der Plan der Lehrperson geht nicht auf, was nicht nur für sie, sondern auch für die anwesenden Studierenden äußerst schade ist.

Pro: Verstehen, dann erklären
Man hat einen Sachverhalt dann verstanden, wenn man ihn jemandem, der noch nichts darüber weiß, erfolgreich erklären kann. Diesen Tipp findet man in jedem Lernratgeber. Auch Universitäten haben das verstanden, weshalb zum Scheinerwerb oft nicht nur eine schriftliche Arbeit, sondern auch ein Referat gehört. Studierende bilden Expertengruppen (oder stellen sich dieser Aufgabe alleine), recherchieren das Thema einer Seminarsitzung und stellen dieses dann den anderen Studierenden vor. Dabei haben sie idealerweise Zugang zu Forschungsliteratur, die die anderen Studierenden nicht lesen müssen; sie hören die Informationen zum ersten Mal.

Das hilft der Expertengruppe dabei, ihre Informationen zu strukturieren – denn sie muss sie einem Publikum vorstellen, das zwar eine Affinität zum Thema hat, aber noch nicht denselben Wissensstand. Das Strukturieren von Informationen von anderen hilft dabei, selbst Struktur in das eigene Wissen zu bringen, und hilft somit beim Lernen.

Fehlende Anwesenheitspflicht würde bei dieser Organisationsform wohl im schlimmsten Fall dazu führen, dass jede Woche nur die Referatsgruppe antanzt und ihre Ergebnisse der Lehrperson vorstellt. Das Ganze verkommt zur mündlichen Prüfung – so ist das aber sicher nicht gedacht.

Pro/Contra: Lerntypen
Je nachdem, welcher Lerntyp man ist, kann man dieses Argument als Pro- oder Contrapunkt sehen. Die einen lernen deutlich besser, wenn sie eine Information hören, erklärt bekommen oder an der Tafel (oder einem anderen Medium) veranschaulicht bekommen. Die anderen lernen durch störungsfreies Lesen deutlich besser. Viele Studierende wissen nicht, wie sie am besten lernen – sie wissen nur, dass sie im letzten Semester irgendwie irgendwas gelernt haben, was hängengeblieben ist.

Der auditive Lerntyp, also der, der beim Zuhören besser lernt, wird mit einer Anwesenheitspflicht zu seinem Glück gezwungen; er ist erfolgreicher, als wenn er zuhause den Text liest und nur Bruchstücke behält. Der visuelle Lerntyp aber, der mit vier Farben plus Bleistift und Kugelschreiber im Text herummalt und dadurch Zusammenhänge erfasst, könnte mit seiner Zeit besseres anfangen.

Contra: Selbstbestimmung und Selbstregulierung
Das Studium soll in den Augen vieler die Phase der schulischen Ausbildung sein, in der man selbst bestimmt, gliedert und einteilt, was man wann und wie lernen möchte. Durch die Reformen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte haben sich Wahlmöglichkeiten im Studium ohnehin reduziert – und dann kommt auch noch eine Anwesenheitspflicht dazu, die einen nicht einmal mehr das Wann und Wie bestimmen lässt.

Wer einen akademischen Abschluss erwerben will, sollte eben nicht nur beweisen, dass mundgerecht gefütterte Informationsstückchen auswendig gelernt und bei Bedarf wiedergekäut werden können, sondern vor allem auch eine Bereitschaft zum Lernen und zur Eigeninitiative. Dieses Argument kommt gerade von einer faulen Sau, zugegeben, aber es muss deswegen noch lange nicht falsch sein.

Wer es nicht schafft, Eigeninitiative aufzubringen und die Veranstaltungen zu besuchen, bei denen die eigene Lektüre nicht reicht, hat ein fundamentales, elementares Ziel des Studiums nicht erreicht. Das sollte mit einer Anwesenheitspflicht nicht übertüncht werden, denn sie sorgt dafür, dass ungeeignete KandidatInnen deutlich weiter kommen als ohne Zwang. Ziel der Hochschule ist nicht die Allgemeinbildung, bei der kein Kind zurückgelassen werden sollte, sondern eine spezifische Fachausbildung, die durchaus kompetitiv sein darf. Krass gesagt: Der Schwächste fliegt. Würde man nach diesem Motto handeln, hätten wir weder zu viele Studierende noch zu viele Akademiker, die keine zu ihrem Abschluss passende Stelle finden.

Contra: Die Atmosphäre im Seminar
Null Bock steckt an. Gäbe es keine Anwesenheitspflicht, das gebe ich zu, würde ich viele Seminare, zu denen ich gerade „gezwungen“ werde, gar nicht besuchen. Da ich muss, gebe ich mir Mühe, nicht allzu demotiviert zu wirken. Auch wenn ich weiß, dass ich auf mich allein gestellt dasselbe Ziel schneller und effizienter erreichen könnte, arbeite ich mit. Ich nehme in den Seminaren, die ich gerne und freiwillig besuche, aber auch wahr, wie unfreiwillig anwesende Studierende auf andere wirken.

Diskussionen und Nachfragen werden gehemmt. Interessante Fragen werden nicht behandelt, weil der dritte Typ von links im Ringelpulli jetzt schon so agepisst aussieht. Eine Frage steht im Raum, drei Leute wollen antworten, aber die Lehrperson möchte „mal jemand anderen“ hören, was dann entweder in peinlichem Schweigen endet oder, wenn jemand unfreiwillig aufgerufen wird, in sinnlosem Gestammel.

Das macht keinem Spaß und bringt niemanden weiter. Ich hatte einige Male das Vergnügen, in Seminaren zu sitzen, in denen die Teilnahme „inoffiziell freiwillig“ war, das heißt: Die Dozentin hat darauf hingewiesen, dass eine Anwesenheitspflicht besteht, sie aber ungünstigerweise immer wieder diese doofe Teilnehmerliste verlegt, zwinker, zwinker. Die Atmosphäre war unglaublich gut. Alle, die da waren, hatten Lust – und es kamen Detailthemen zur Sprache, die es im demotivierten Zwangsraum niemals gegeben hätte. Es war eine Freude.

Contra: Organisationsform und Expertengruppen – die Realität
Ich habe oben beschrieben, wie die Organisationsform des Proseminars und das Bilden von Experten-Referatsgruppen im Idealfall aussehen sollten. Leider funktioniert das in der Realität auch mit Anwesenheitspflicht nicht immer so.

Der Plan ist es, dass dreißig Studierende einen Text gründlich vorbereiten und dann sofort in die Detaildiskussion einsteigen können. In der Realität haben diejenigen, die ohne Anwesenheitspflicht nicht kommen würden, den Text oft gar nicht gelesen. Man fängt also mit der Diskussion bei den Grundlagen an und hat als Studierender zwei Möglichkeiten. Entweder man ist brav und bereitet den Text daheim vor, dann erklärt man im Seminar entweder die absoluten Grundlagen oder langweilt sich zu Tode, weil man alles schon kennt. Oder aber man weiß genau, dass ein Großteil den Text nicht gelesen hat … und liest ihn schlicht auch nicht. Dann ist das Seminar noch spannend, weil man etwas Neues lernt. Sinn und Zweck kann das aber nicht sein.

Auch Expertengruppen ist es erfahrungsgemäß oft lieber, vor einem leeren Raum zu präsentieren als von Desinteresse begrüßt zu werden. Es demotiviert ungemein, wenn ausschließlich die Lehrperson interessiert wirkt und die meisten Studierenden aktiv weghören. Dazu kommt, dass Lehrpersonen das Konzept oft nicht verstehen – und die Expertengruppen genau die Texte präsentieren lassen, die der Rest auch zu lesen hatte. Keine zusätzliche Literatur, nichts, was auf dem aufbaut, was alle lesen müssen, sondern eine gekürzte Hörbuchfassung dessen, was die Anwesenden schon selbst gelesen haben. Studierende sind keine CD-Spieler. Es wäre schön, wenn sich das herumspräche.

Fazit
Viele Pro-Punkte der Anwesenheitspflicht wären schön und gut, wenn die Realität mit dem Plan mithalten könnte. Ich möchte gar nicht behaupten, dass alle aufgezählten Contrapunkte in jedem Seminar und jedem Fach zutreffen. Es zeigt sich meiner Erfahrung nach allerdings eine Tendenz, die viele Pro-Punkte ad absurdum führt.

Ich habe bewusst ausgelassen, dass ich Pendler bin und eine gefühlte Ewigkeit brauche, um zur Uni zu kommen; dass die halbautomatische Kurswahl einem oft Kurse zuweist, die ein Heimfahren zwischen zwei Veranstaltungen unmöglich machen, aber eine so lange Lücke lassen, dass der ganze Tag im Eimer ist. Das ist ein Pendler-Problem und trifft auf die Mehrheit nicht zu. In meine Uni-Stadt ziehen könnte ich, würde dann aber genau so viel Zeit verlieren, um mir die Miete für ein Zimmer zu erarbeiten.

Auch gehört nicht zu meiner „offiziellen“ Contra-Liste, dass ich an einer kleinen, ungefährlichen aber unangenehmen gesundheitlichen Einschränkung leide, die ab und an dazu führt, dass ich die erlaubten Fehlzeiten überschreite und einen Kurs dann im nächsten Semester wiederholen muss. Das zieht mein Studium zwar in die Länge und ist ärgerlich, aber eher ein persönliches Problem, auf das die Mehrheit keine Rücksicht zu nehmen braucht. Da habe ich eben Pech.

Wie seht ihr das? Seid Ihr Studierende oder Lehrpersonen, Zivilisten oder Gott sei Dank schon aus der Uni raus? Betrifft euch das Thema? Man liest sich in der Kommentarspalte!

7 Kommentare zu “Argumente: Anwesenheitspflicht an deutschen Unis?

  1. Der Artikel ist aber nicht von dir, Jörn, oder? Finde nichts über den Autor …

    • Doch, logisch, ich studiere. 🙂

      Nein. Das ist von Dominik.

    • Dominik Raab

      Hi Ulf,

      ganz oben unter der Überschrift steht’s. Stammt aus meiner Feder. 🙂

      Gruß
      Dom

      • Komisch, auf dem iPad hab ich das nicht gesehen … Jetzt hier am Computer schon.
        Und natürlich war mir eigentlich klar, dass der Artikel sicher von dir, Dominik ist … 😉

      • Ich habe noch mal geguckt: Wenn das Browserfenst nicht breit genug ist – und das ist sie anscheinend beim iPad hochkant nicht – wird der Autor oben nicht angezeigt. Querkant dann schon …

        • Dominik Raab

          Ich habe mit dem aktuellen Theme auch so meine Probleme (auf Chrome unter Windows), aber Jörn weiß das schon und guckt sich das an. Vielleicht löst sich dann auch das kleine Autor-Problem. 🙂

  2. Ja, ich werde so bald wie möglich ein neues Theme verwenden. Aus „betriebstechnischen“ Gründen wird das leider noch etwas dauern.

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