Jörn Daberkow

Bewerten Sie mich bitte jetzt!

Egal, welche Dienstleistung man heute in Anspruch nimmt. Die anschließende Bewertung ist inzwischen obligatorisch. War unser Mitarbeiter nett zu Ihnen? Hat er alle Ihre Fragen kompetent beantwortet? Hat er Ihnen zum Abschied die Füße geküßt? Ich finde das gruselig.

Nun wurde ich sogar von einem bekannten Fast-Food-Konzern in England gefragt, ob sie alles richtig gemacht haben. Alter, alles Bestens. Einfach den Burger rüberschieben. Dann ist auch gut. If you have to ask shit like that, you didn’t do well.

Sogar die Mitarbeiter diverser Autovermietungen bitten inständig um gute Bewertungen, da hiervon die Höhe ihres Gehalts abhängt. Oh man …

Selbst der Scheißhausgang auf Flughäfen lässt sich inzwischen bewerten. Mittels dreier Smileys. Ein lächelnder, ein neutral schauender und ein böser. Gut gefurzt ist halb begeistert? Einfach die entsprechende Taste drücken. Woanders wird gefragt, ob das Hotelpersonal ausreichend herzlich war. Angesichts solcher Fragen bekomme ich eine Gänsehaut.

Amerikanische Verhältnisse gewünscht? Zwanghaft gute Laune für einen beschissen bezahlten Job? Dann weiter so. Weiter dieselben Parteien wählen. Weiter bei den Bewertungen mitmachen. Weiter nicht darüber nachdenken.

Mal abgesehen davon, dass nicht jeder immer in Bestform ist, mag ich es auch überhaupt nicht, wenn beim Einkauf, der Pediküre, oder im Tattoo-Studio jeder arschfreundlich zu mir ist. Im Gegenteil: Ich schätze es sehr, wenn mich der Postbote anquengelt und die Brötchenverkäuferin ihre schlechte Laune raushängen lässt. Da gehe ich wieder hin! Gleich am nächsten Tag! Endlich jemand, der sich normal benimmt!

Diese ganze alltägliche Bewertungsscheiße ist für mich nur eine weitere Facette unseres kranken Wirtschaftssystems, das aus jedem Menschen das letzte Quäntchen Leistung herausquetschen will. Natürlich bei möglichst geringer Bezahlung. Und maximal später Verrentung.

Und liebe Leser – hab´ ich alles richtig benannt und in wohlfeile Worte gefasst? Drücken Sie bitte die Taste …

Jörn Daberkow

Kategorien Weltliches

Fotografie und Musik sind ein substanzieller Teil meines genetisches Codes und keine freie Entscheidung.

4 Kommentare zu “Bewerten Sie mich bitte jetzt!

  1. Hallo Jörn,

    da hast du wirklich ein irgendwie inzwischen schon absurdes Thema/Theater aufgegriffen – und mir noch dazu einige Lacher abgerungen.

    Es ist wirklich nervig mit diesen ganzen Umfragen. Und ich glaube, ich werde in Zukunft alle links liegen lassen.

    Schlechte gelaunt/normale Grüße, Ulf

    P. S.: Ich wusste übrigens weder, dass du zur Pediküre, noch, dass du ins Tattoostudio gehst … 🙂

  2. Dominik Raab

    Toller Artikel, Jörn.

    Ich finde diese Gute-Laune-Kultur ja auch zum Speien. Ich mag Eckart von Hirschhausen nicht wirklich, aber einen tollen Spruch hat er zum Thema Berliner Schnauze rausgehauen: Wenn man da im Reisebüro fragt, wohin man fliegen kann, bekommt man zur Antwort: „Uffe Fresse.“ Da kannst du nach dem Brötchenkauf auch noch hin, Jörn, und den nächsten Foto-Urlaub buchen.

    Das Schlimme ist, wenn Arbeitsplätze an dem Quatsch hängen. Es gibt sicher die ein oder andere Callcenter-Mitarbeiterin da draußen, die Verwarnungen bis zur Kündigung gesammelt hat, weil ihr irgendwann mal der Arsch geplatzt ist, man entschuldige die Wortwahl. Ich lese sehr gerne eine (englische) Seite mit Zitaten von Kundendienst- und Einzelhandel-Mitarbeitern, größtenteils aus den USA. Was man da teilweise mit einem Lächeln abtun muss, da rollt es mir die Zehennägel hoch.

    Meine Kippen kauf ich mir bei einer sarkastischen, gar zynischen älteren Dame, die darauf schon lange scheißt, und wenn ich im Supermarkt eine Kasse sehe, die von Frau Griesgram besetzt ist, stelle ich mich da an. Ehrlichkeit ist mir deutlich lieber als aufgesetzte Freundlichkeit.

  3. Jürgen Drogies

    Hallo Jörn,

    ich drücke mal spät in der Nacht noch die 😀-Taste für deinen Beitrag! Sehr oft ist mir das noch nicht passiert (in Bremen gibt es genug Griesgräme), aber künstliche Freundlichkeit finde ich auch nervig. Ich fühle mich dann auch irgendwie gedrängt selbst zu grinsen und fühle, wie unecht das aussehen muss.

    Ich war länger nicht bei MacDonald’s und weiß nicht, ob es das noch gibt, aber früher hing da ein Schild mit dem Mitarbeiter des Monats. Da dachte ich, ich würde an deren Stelle extra irgendeinen Scheiß bauen, um nicht auf das Plakat zu kommen. Aber dann wäre man wohl gefeuert – auch nicht so toll.

  4. Moin Jörn,

    guter Beitrag, ich bin total genervt davon, ständig Dinge/Dienstleistungen/Menschen bewerten zu sollen. Andererseits schaue ich in Online-Portalen schon auch nach der Bewertung. Alles hat zwei Seiten. Absurd wird es für mich dann, wenn man im Urlaub nur noch in die Unterkünfte/Restaurants geht, die ´ne gute Bewertung erhalten haben. Menschen und ihre Befindlichkeiten und Vorlieben sind so unterschiedlich, dass die meisten Bewertungen eh nur eine ganz subjektive Momentaufnahme sind und keinesfalls für jeden gelten.

    Aber ich würde nicht an die Kasse mit dem griesgrämigen Kassierer gehen, aber das ist dann meine subjektive Vorliebe bzw. Aversion und sagt, wie man an deinem Artikel und den Kommentaren sieht, nichts Allgemeines aus.

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