Die Kumpelgrenze – Du und Sie im Englischen und Deutschen

Sprache ist nicht einfach nur ein Kommunikationsmittel, sondern trägt immer die Kultur und das Weltbild des Sprechenden in sich. Es geht daher bei Übersetzungen und beim Erlernen von Fremdsprachen nicht einfach nur darum, sich sprachlich korrekt auszudrücken, sondern auch – und das ist deutlich schwerer zu lernen – um den Kontext, in dem man spricht oder schreibt. Einer der kulturellen Unterschiede zwischen deutsch- und englischsprachigen Ländern ist die Anrede. Damit ist aber nicht nur gemeint, dass es das „Sie“ im Englischen nicht (mehr) gibt. Die Unterschiede liegen tiefer.

Du und Sie im Englischen und Deutschen

Schon im rein deutschen Kontext kann es schwierig sein, sich für Du oder Sie zu entscheiden. Trifft man die Klassenlehrerin, die man in der Grundschule noch mit „Du, Frau Meier?“ angesprochen hat, als Erwachsener wieder, wechselt man womöglich zum Sie, hat aber noch die Zeit im Kopf, zu der man sie geduzt hat. Trifft man einen One-Night-Stand unerwartet als neuen Mitarbeiter an, der vier Gehaltsstufen über einem steht, überlegt man sich die Anrede vielleicht auch noch mal. Und darf man eigentlich gekränkt sein, wenn einen der Greenpeace-Aktivist auf der Straße mit dem Flyer in der Hand darauf aufmerksam macht, dass „die armen Delfine deine Hilfe“ brauchen?

Hierarchie, Altersunterschied, soziale Stellung, Vertrautheitsgrad – die richtige Anrede ist nicht einfach, und was heißt überhaupt „richtig“? Der Knigge sagt dazu sicherlich etwas anderes als der Vorstand einer IT-Firma, der darauf besteht, dass Praktikant, Hausmeister, Putzfrau und Kantinenkoch ihn duzen. Am Empfang der Arztpraxis im 2000-Seelen-Dorf, wo eh jeder irgendwie miteinander verwandt oder verschwägert ist, wird öfter geduzt als beim beinahe anonymen Großstadtarzt, wo eine zu vertraut quasselnde Empfangsdame sich schon mal einen Tadel einfangen kann.

Und dann ist da noch das Englische. Eigentlich ja ganz einfach, oder? Wo wir „Sie“ sagen (wenn wir denn mal herausgefunden haben, wann wir das überhaupt tun sollen), sagen die Engländer und Amis „Mr.“ oder „Mrs.“, und statt eines „Du“ verwendet man den Vornamen. Blöd nur, dass das nicht so ist.

Ich nenne die Grenze zwischen „Du“ und „Sie“ gerne die „Kumpelgrenze“ – im Deutschen eine halbwegs treffende Bezeichnung, weil wir (bis auf einige Ausnahmen) so über die Anrede entscheiden. Ist jemand mindestens ein Kumpel oder gar ein Freund? Dann duzen wir. Wenn wir eine Person nicht anrufen würden, um mal locker-flockig zu fragen, ob man sich auf ein bis zwölf Bier treffen soll, dann siezen wir. Diese Grenze verläuft in englischsprachigen Ländern aber anders als in Deutschland – und die Ansprache ist nicht einmal unbedingt davon abhängig.

In meinem ersten Semester habe ich eine Dozentin, die gebürtige Britin ist, mit „Miss“ angesprochen, denn ich wusste: Im offiziellen Kontext nennt man Fremde so, wenn man nicht weiß, ob es sich um eine verheiratete oder ledige Frau handelt. Ich wurde höflich darauf hingewiesen, dass es sich beim Englischen um eine „first name culture“ handele, und ich solle doch einfach den Vornamen benutzen. Noch heute fühle ich mich unwohl dabei, hierarchisch höher gestellte Personen, die über meine Noten entscheiden und irgendwas zwischen vierzig und fünfundsiebzig sind, mit ihrem Vornamen anzureden oder anzuschreiben. Warum? Weil ich Deutscher bin und somit das Duzen von der Kumpelgrenze abhängig mache.

Im Englischen ist es statt einer Kumpelgrenze eine Kennenlerngrenze. Sobald ich den Vornamen einer Person kenne, benutze ich ihn auch – abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen. Man muss sich da noch nicht einmal persönlich getroffen haben. Die erste E-Mail an eine Abteilung in der eigenen Firma leitet man noch ein mit: „To whom it may concern“. Das ist das mittlerweile zum Standard erhobene englische Pendant zu „Sehr geehrte Damen und Herren“. In den Schluss kommt: „Kind regards, Dominik Raab“. Die Antwort, die ich darauf bekomme, beginnt mit „Hi Dominik“ oder „Dear Dominik“ und endet beispielsweise mit „Regards, Dave“. Ich schreibe daraufhin in jeder Nachricht „Dear Dave“.

Im Deutschen würde man hier sehr lange bei „Herr Raab“ bleiben, aber im Englischen hat man sich gerade kennengelernt – und das reicht. Große hierarchische Unterschiede und wenige gesellschaftliche Kontexte sorgen für Ausnahmen, aber in den meisten Fällen benutzt man eine förmliche Anrede nur beim Erstkontakt.

Da Englischsprechende sehr schnell beim Vornamen sind und wir das im Deutschen nicht so halten, kommt es bei Übersetzungen von Filmen, Serien und Büchern oft zu einer interessanten Mischform, die im rein deutschen Kontext kaum gebraucht wird: „Michael, können Sie mal bitte…“ Vorname und Sie, das kennt der Deutsche für gewöhnlich nicht. Für Übersetzer ist das aber der beste Weg, um sowohl einen Teil der fremden Kultur beizubehalten als auch das Gesagte an deutsche Gepflogenheiten anzupassen. Man hat begriffen, dass der Vorname nicht gleichbedeutend mit einem Du ist, wenn man ihn so schnell benutzt, wie englischsprachige Kulturen es tun. Dem deutschen Zuschauer wird vermittelt, um welche Art von Beziehung es sich bei den Sprechenden handelt – nämlich um eine formale, geschäftliche. Gleichzeitig bekommt er ein Stück Kultur mit: Die Amis benutzen gerne den Vornamen.

Hier auf ein „Du“ zu wechseln, würde von der Intention der Vorlage abweichen, denn die deutsche Kumpelgrenze ist noch lange nicht überschritten. Ähnlich wäre es, wenn man den Vornamen des Originals in ein „Mr.“ oder gar „Herr“ umwandelt, denn damit trägt man der Kultur der Vorlage nicht genügend Rechnung. Was für uns fremd klingt, ist also der einzig korrekte Weg, zwei verschiedene Kulturen in der Lokalisierung miteinander auf einen Nenner zu bringen.

Übrigens: Dass es nur ein Personalpronomen der zweiten Person („you“) gibt, ist im Englischen eine recht neue Entwicklung. Bis ins Mittelenglische gab es noch „thou“ und „ye“. Die Verwendung der drei Alternativen „you“, „thou“ und „ye“ würde hier zu weit führen, da es zahlreiche Ausnahmen gibt, aber eine starke Vereinfachung wäre: Das „thou“, mit dem Gott seine Ge- und Verbote einleitete, war oberhalb der Kumpelgrenze und somit mit dem heutigen deutschen „Du“ vergleichbar. „Ye“ sprach höhergestellte Personen an. Von letzterem, also vom höflichen und den Plural anzeigenden „Ye“, stammt das heutige „You“ ab. Nicht die höfliche Variante ist weggefallen, sondern die vertraute – und das, obwohl das Englische auf den ersten Blick kumpelhafter wirkt als das Deutsche.

7 Comments on “Die Kumpelgrenze – Du und Sie im Englischen und Deutschen

    • Lieber Ulf, vielen Dank; ich freue mich immer sehr über deine Kommentare!

    • Sehr geehrter Herr Markus,

      … jetzt bin ich selber verwirrt.
      Danke! 🙂

  1. Blöd wird es dann, wenn der Deutsche im Gespräch mit englischsprachigen Genossen, die dennoch vorhandene Hierarchieebene ignoriert und dem Vorstand kumpelhaft beim Pinkeln am Pissoir auf die Schulter klopft weil er das DU falsch interpretiert.

    Großartig geschrieben!

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