Er, sie, alle: Sprache und Gleichberechtigung

Bevor mich jemand falsch versteht: Gleichberechtigung ist ein hehres Ziel, an dem wir längst nicht angekommen sind, egal, ob es um Männer und Frauen, Hetero- und Anderssexuelle, Religionen oder Nationalitäten geht. Sicherlich gibt es auch sprachlich viele Dinge zu verbessern, damit sich in jedem Fall alle Menschen angesprochen fühlen, die es betrifft. Ich möchte im Folgenden aber einige Probleme aufzählen, über die man zwangsläufig stolpert, wenn man versucht, Gleichberechtigung mithilfe von Sprachreformen voranzutreiben.

Gleichberechtigung in der Sprache

Deskriptiv, nicht präskriptiv

Die Linguistik, also die Sprachwissenschaft, hat seit einiger Zeit den (aus meiner Sicht vollkommen korrekten) Selbstanspruch, nicht präskriptiv, sondern deskriptiv zu sein, das heißt: nicht vorschreibend, sondern beschreibend. Man beobachtet den Sprachgebrauch, wie er sich natürlich entwickelt, und zieht Schlüsse aus diesen Beobachtungen. So hält das auch der Duden-Verlag, dessen Werke auf den ersten Blick präskriptiv wirken. Sicher findet man im Duden Vorschriften für Schreibweisen und Grammatik; diese beruhen aber auf Beobachtungen und ändern sich, sobald beobachtet wird, dass der Sprachgebrauch sich verändert hat. Das lässt sich zum einen an den jährlichen Neueinträgen betrachten, die auf Entwicklungen im allgemeinen Gebrauch beruhen, nicht auf fixen Ideen der Duden-Redaktion. Prominente Beispiele sind „Saftschubse“ als abwertender Begriff für Flugbegleiterinnen (ehemals Stewardessen) und Flugbegleiter und „googeln“ (ja, mit dem E vor dem L). Zum anderen sieht man das auch an Änderungen schon bestehender Einträge. Die Präposition „wegen“ verlangt ursprünglich einen Genitiv („wegen des Kindes“), ist nun allerdings auch mit Dativ korrekt („wegen dem Kind“). Grund für diese Reform ist, dass diese Form schlicht immer häufiger gebraucht wurde.

Der Duden passt sich also dem Gebrauch an, nicht umgekehrt. Was heißt das für „Regeln“ zur Inklusion beider (oder, je nach Sichtweise, aller) Geschlechter? Dass wir Sprachwissenschaftler genau wie die Duden-Redaktion, PolitikerInnen und AktivistInnen den Sprachgebrauch der breiten Masse nicht steuern können. Das heißt das. Ja, man kann sich darüber unterhalten, wie Menschengruppen in Dokumenten von Behörden, Ämtern und Universitäten angesprochen werden sollen. Man kann sich über Vorschriften unterhalten, die regulieren, ob von Studentinnen und Studenten, Studierenden, Studx, Student_innen oder StudentInnen die Rede sein soll. Diese Vorschriften gelten dann aber für offizielle Dokumente, Internetseiten, meinetwegen Zeitungen und Studienführern. Der breiten Masse kann man aber nicht vorschreiben, wie sie das handhaben soll.

Mobilfunkanbieter, der öffentliche Personennahverkehr und Streaming-Dienste bewerben „Studententarife“, nicht Studierendentarife, Studentxtarife oder StudentInnentarife. Ist das aus feministischer Sicht erstrebenswert? Mitnichten. (Oder besser: mitnichten und mitneffen?) Eine Änderung an dieser Situation wird aber dann von selbst eintreten, wenn die Empörung in der Bevölkerung groß genug ist. Diese Änderungen müssen, wie alle Änderungen im Sprachgebrauch der breiten Masse, von „unten“ kommen. Von oben funktioniert das nicht. Ein Bußgeld für nicht-geschlechtsneutrale Sprache in der Werbung würde nicht funktionieren.

Die Äpfelin

Die deutsche Sprache hat eine Eigenheit, die einerseits dafür verantwortlich ist, dass wir das Problem mit der Gleichberechtigung (im sprachlichen Kontext) überhaupt haben – und andererseits dafür, dass eine Lösung dieses Problems sehr schwierig ist. Die deutsche Sprache hat – wie einige andere Sprachen auch, aber nicht alle – ein grammatikalisches Geschlecht.

Sprache ist nicht Wirklichkeit, sondern eine Abbildung derselben. Der Apfel ist in Wirklichkeit nicht männlich, in der Sprache jedoch schon. Die Freude ist ein Konzept, keine Frau. Das Mädchen ist in der Realität weiblich, nicht etwa ein Neutrum. Es besteht also eine gewisse Reibung im Verhältnis zwischen Realität und sprachlicher Abbildung. Sprachen ohne grammatikalisches Geschlecht wie das Englische haben dieses Problem erst gar nicht. Ein worker ist im Englischen erst einmal geschlechtsneutral, so auch die Mehrzahl workers. Außer in Einzelfällen wie actor und actress ist das Englische also zwar uneindeutig, aber ein Problem mit der Gleichberechtigung gibt es nicht. „Workers must wear head protection“ schließt sowohl Arbeiterinnen als auch Arbeiter ein.

Hätten wir im Deutschen gar keine weiblichen Formen, würden sich Frauen theoretisch nicht ausgeschlossen fühlen. Es ist aber zu spät, diese Formen einfach abzuschaffen und von oben herab (präskriptiv!) zu behaupten: „Der Plural Ärzte schließt ab sofort männliche und weibliche Mediziner ein“. Man muss, wenn man die Gleichberechtigung sprachlich zum Ausdruck bringen möchte, entweder beide Formen verwenden oder eine neue tatsächlich neutrale Form erfinden, wie es unter anderem mit dem X versucht wurde: An einer deutschen Universität sind jetzt keine Dozentinnen und Dozenten mehr zu finden, sondern schlicht Dozentx. Mag sein, dass man sich daran gewöhnt. Für mich sieht das trotz der guten Intention dahinter einfach nur doof aus.

Aus menschlicher Sicht kann man natürlich nachvollziehen, dass ein Unterschied zwischen Dingen, Konzepten und Personen gemacht werden soll. Nur weil die Schönheit und der Mut jeweils ein Geschlecht haben, das nicht zu ihrer Wirklichkeit passt, muss das bei Personen nicht genau so gehandhabt werden. Das Mädchen zeigt: Noch ist es so, und trotzdem wähnt keiner eine Frau vor Erreichen des Erwachsenenalters auf einer Ebene mit einem Schuhschrank.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht bin ich aber skeptisch. Solange das Deutsche nicht das Apfel, das Schönheit, das Mut und die Mädchen benutzen möchte, ist es, was Geschlechter angeht, ohnehin sehr verworren. Bringt uns da Kleinlichkeit bei Personengruppen wirklich weiter? Auf die gesamte Sprache bezogen, nicht nur auf den einen Aspekt der Gleichberechtigung?

Ein satirischer Lösungsvorschlag

Wer diesen Artikel angeklickt hat, um die ernst gemeinte Perspektive eines angehenden Germanisten zu lesen, ist am Ende des Artikels angekommen. Im Folgenden möchte ich einen Vorschlag unterbreiten, der aus sprachwissenschaftlicher Sicht halbwegs logisch, aber nicht anwendbar ist. Wer sich durch solche Experimente unterhalten fühlt, ist eingeladen, weiterzulesen.

Das Problem mit der geschlechtsneutralen Anrede lässt sich auf eine einzige Silbe konzentrieren: -in­-. Frauen haben eine Silbe mehr als Männer. Solange es keine neutrale Form gibt und Frauen eine Silbe mehr haben, kann es keine Gleichberechtigung geben. Ich schlage daher vor, eine männliche Endung einzuführen, die das weibliche ­“-in/-innen“ kontrastiert, und die bisherige männliche Form als neutrale Form weiterzuverwenden. Damit die neutrale Form neutral sein kann, erhält sie den Neutrum-Artikel, also „das“.

Bisher:

Männlich – Der Student / Die Studenten
Weiblich – Die Studentin / Die Studentinnen

Ab sofort:

Neutral – Das Student / Die Studenten
Weiblich – Die Studentin / Die Studentinnen
Männlich – Der Studentaus / Die Studentaußen

Dem geneigten Leser fällt sicher auf, wie gewitzt und intelligent die Wahl der männlichen Form hier ist: Aus dem weiblichen „innen“ wird ein männliches „außen“. Jetzt kann sich aber wirklich niemand mehr beschweren!

Mit freundlichen Grüßen,
der Verfassaus.

12 Comments on “Er, sie, alle: Sprache und Gleichberechtigung

  1. Hallo Dominik,

    im vergangenen Dezember habe ich 2 Blog-Artikel verfasst: „Geschenk-Tipps für Musikerinnen und Musiker 2015“ und kurz vor Weihnachten „Last minute Geschenktipps für MusikerInnen“. Das große „I“ in der Mitte hat mir irgendwie weh getan. Ich hasse es eigentlich, wollte aber eine kurze Titelzeile haben.

    Mir ist immer etwas unwohl, wenn ich in Testberichten der Kürze halber nur „Musiker“ schreibe. Ob es jemanden (jemand-innen) stört?

    Das „x“ am Ende finde ich furchtbar. Das verursacht bei mir beim Lesen einen leichten Brechreiz 😉

    • Hi Jürgen,

      vielen Dank für deine/n KommentarIn. 😀

      Ich glaube, wenn es einen Jemand oder eine Jemandin stört, dann melden die sich schon. Wenn wir sowas machen, dann ja aus Vorsicht, nicht, weil wir „auf jeden Fall“ einen auf den Deckel kriegen, wenn wir es sein lassen.

      Lustiger/trauriger Fakt zum großen Binnen-I: Eine Untergruppe der Feministinnen-Bewegung lehnt dieses strikt ab, weil es angeblich ein „phallus-ähnliches Symbol“ sei. Darauf weiß ich nichts mehr zu sagen, außer vielleicht: Nehmt doch ein Y. Klingt ähnlich und erinnert nicht an einen Penis, sondern allenfalls an einen stilisierten Uterus mitsamt Eierstöcken. Ist doch passender.

      Nein, dazu fällt mir wirklich nicht mehr viel ein…

      • Hallo Dominik,

        danke für deine witzigen und sachkundigen Artikel! Falls sich das Y durchsetzt, werde ich sofort einer Selbsterfahrungsgruppe für unterdrückte Männer beitreten!

        Eine Frage an dich als Experten, die nicht zu diesem Thema gehört: Manche Computerprogramme funktionieren als Plug-in, aber auch selbständig. Dafür hat sich ein englischer Ausdruck durchgesetzt. Wie sollte man schreiben: Die Standalone Version/Standalone-Version/Stand-alnone Version/standalone Version/stand-alone Version?

        Viele Grüße

        • Hi Jürgen,

          bitte halt mir einen Platz in der Selbsterfahrungsgruppe frei! 🙂

          Ich tendiere stark zu Standalone-Version. Ein Leerzeichen wäre in jedem Falle falsch, da es sich bei „Standalone“ nicht um ein deutsches Adjektiv handelt. Genau so falsch sind die kreativen Leerzeichen in der Werbung wie „Software Produkt“ oder „top Neuerung“.

          Die Frage ist jetzt also: Standaloneversion, Standalone-Version oder Stand-alone-Version.

          Bei Verbindungen zwischen englischen und deutschen Wörtern wird die Zusammenschreibung nicht empfohlen, also fällt „Standaloneversion“ weg. Streiten könnte man sich dann, wenn man „standalone“ als Lehnwort statt als Anglizismus betrachtet, also als Teil des Deutschen statt Fremdwort. Das sehe ich aktuell nicht.

          Ob Standalone oder Stand-alone richtig ist, ist eine Geschmacksfrage. Ich sehe Standalone aber häufiger und halte es für richtig. Das hat auch den Vorteil, dass der Bindestrich sowohl eime Zäsur zwischen Englisch und Deutsch als auch zwischen den zwei Sinnverbindungen ist. Auf der einen Seite die englische Verbindung, auf der anderen das deutsche Wort.

          Bei rein deutschen zusammengesetzten Substantiven fragt man meist, wenn es um Bindestrich oder zusammen geht, nach Sinnverbindungen, um Missverständnisse auszuschließen. Hier könnte man fragen: Ist die Standaloneversion inhaltlich eine „Stand-Aloneversion“, also eine Alleinversion, die steht, mit Betonung auf dem Stehen? Oder eine Version, die standalone als Eigenschaft hat? Darum der Bindestrich zwischen Standalone und Version.

          Deutsches Beispiel: Ein fiktiver Verein aus Atheisten möchte sich „Antichristengesellschaft“ nennen. Davon abgesehen, dass ich die Idee gefährlich finde, würde ich dem Verein vorschlagen, die Schreibungen „Anti-Christen-Gesellschaft“ oder „Anti-Christengesellschaft“ zu wählen, nicht aber die Zusammenschreibung oder „Antichristen-Gesellschaft“. Dass das alles Teufel sind, bezweifle ich dann doch. 😀

          • Hi Dominik,

            Teufel auch – der Antichrist, der Gottseibeiuns …, die deutsche Sprache hat einiges zu bieten!

            Danke für deine Antwort und die überzeugenden Erklärungen zu meiner Frage, die eigentlich „off topic“ ist. Dieser englische Ausdruck kann laut Wikipedia unterschiedlich geschrieben werden, auch groß. Was meinst du dazu?

          • Hi Jürgen,

            wir haben das Ende der Kommentarkette erreicht; ich kann nicht mehr auf deinen letzten Beitrag antworten, sondern muss das hier machen. Hoffe, du findest es 😉

            Ich befasse mich sehr gerne mit „off topic“-Fragen. Wenn ich einen Artikel schreibe, dann meist nicht auf eine konkrete Frage hin, heißt: Keine Ahnung, ob’s wen interessiert, wenn ich fertig bin. Aber bei Fragen ist gleich zu Anfang Interesse da. Das motiviert. 🙂

            Im Deutschen kommt es ganz darauf an, als welche Wortart und in welcher Funktion du den Begriff benutzen willst, also auch auf den Satz drumrum.

            – „Das ist mir zu off topic“ heißt „zu weit vom Thema weg“, also schreibst du „off topic“ wie „weit“ – klein. Signal dafür ist das „zu“. Du kannst „zu weit, zu groß, zu klein“ sagen, aber nicht „zu Thema“ oder „zu Hund“. Auf „zu“ folgt ein Adjektiv, Adjektive sind im Deutschen klein.

            – „Wir sollten nicht ins Off Topic abdriften“ hat einen Artikel, „das“, vor sich stehen (in die Kontraktion „ins“ integriert). Dementsprechend muss dahinter ein Substantiv folgen, und das schreibt man groß. Voraussetzung dafür ist streng genommen aber, dass man es als geläufiges Wort des Deutschen sieht. In der Internet-Sprache finde ich diese Sichtweise gerechtfertigt. Somit ist „Off Topic“ oder „Off-Topic“ (der Bindestrich ist Geschmackssache; ich variiere da selbst nach Tageslaune) ein deutsches Substantiv und groß – in diesem Kontext!

            Zum Thema „deutsches oder englisches Wort“: Streng genommen werden Wörter, die man als fremdsprachlich ansieht, kursiv geschrieben und nach den fremdsprachlichen Regeln behandelt. Ist’s in der Originalsprache klein, schreibt man es kursiv (mit oder ohne Anführungszeichen) und klein. Sieht man es als deutsches Wort, muss es deutschen Regeln folgen. Deswegen sagen wir im Deutschen, wenn wir nicht kursiv schreiben, auch „Handys“, „Partys“ oder „Communitys“. Die „-y wird im Plural zu -ies“-Regel ist eine englische und hat auf deutsche Wörter keinen Einfluss. Sobald wir „Party“ als eingedeutschtes Wort akzeptieren, endet es im Plural auf „-ys“.

            Ähnlich ist es auch mit der Großschreibung. Verwenden wir ein englisches Wort als (neu-)deutsches Substantiv, schreibt man es groß. Ist es kein Substantiv oder Eigenname: Klein. Ist es gar kein deutsches Wort: So wie in der Ausgangssprache und kursiv.

  2. Hallo Dominik,

    wie immer unterhaltsam … Und das mit den Genderformen ist schon ein Kreuz. Macht so vieles kompliziert.

    Viele Grüße

    Ulf

    • Hi Ulf,

      deine Komplimente lese ich so gerne… 🙂

      Eine Situation fällt mir aber ein, in der ich sehr dankbar für die Genderformen bin: Hausarbeiten in der Fachdidaktik und Pädagogik. Mit zweimal „Schülerinnen und Schüler“ bzw. „die Schülerin oder der Schüler“ pro Satz sind die Seiten viel schneller voll… 🙂

  3. Einfach nur klasse/unterhaltsam. Kompliment an den(?) Verfassaus … 😉

  4. Hi Dominik,

    dem ist wirklich nichts hinzuzufügen! Ich persönlich verwende bisher (im Beruf) das Binnen-I. Und ich möchte natürlich damit künftig nicht ernstzunehmenden Untergruppen der FeministInnen-Bewegung auf die Füße treten (gehört das „nicht“ jetzt zum nachfolgenden Wort oder soll es verneinen? Sucht es Euch aus!).

    Also demnächst: Liebe KollegYnnen 🙂

    Danke Dir jedenfalls für den schönen Artikel!

    Viele Grüße

    Markus

    • Hi Markus,

      danke für deinen Kommentar! 🙂 Dein Satzbau mit dem „nicht“ vor „ernstzunehmend“ finde ich großartig, das mal so nebenbei 😀

      Mein Binnen-Y darfst du natürlich sehr gerne verwenden, gerade bei „KollegYnnen“ würde ich es aber wegen des „Gyn“ in der Wortmitte vermeiden. Das ist dann doch ein bisschen arg unter der Gürtellinie… Hihi.

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