Getrennt oder zusammen? Regeln und Ausnahmen im Deutschen

Spätestens bei diesem Thema kommen auch vergleichsweise versierte Nutzer der deutschen Sprache schnell ins Grübeln. Der Regeln der Getrennt- und Zusammenschreibung gibt es viele; ihre Zahl wird gefühlt nur noch von Sandkörnern in der Sahara übertroffen – und von Ausnahmen zu den Regeln. Wer die Regelungen zu hundert Prozent verstehen will und dabei kein Problem mit einem Urwald an Fachbegriffen hat, dem sei der Duden-Artikel zum Thema empfohlen, an dem sich dieser Artikel in Teilen entlanghangelt und der am Ende verlinkt ist. Für alle anderen versteht sich dieser Beitrag als vereinfachte Sammlung von Faustregeln in verständlicher Sprache.

1: Das Deppenleerzeichen und der Bindestrich (Zusammengesetzte Substantive)

Eine sehr nette Bezeichnung ist es nicht, für Kritiker der Gegenwartssprache aber durchaus treffend und nützlich, um der Frustration freien Lauf zu lassen: Das Deppenleerzeichen ist jenes Leerzeichen, das aus Unwissen oder aus ästhetischen Gründen oft inmitten von zusammengesetzten Substantiven eingebaut wird. Dieses Leerzeichen ist nach amtlicher Regelung falsch, auch wenn es womöglich gute Gründe für seine Nutzung gibt.

Zusammengesetzte Substantive sind Hauptwörter, die eine Einheit bilden. Sie können je nach Art und teils nach Belieben zusammen oder per Bindestrich verbunden geschrieben werden; ab und an gibt es ein Fugen-s, das die beiden Substantive miteinander verbindet. Aus Vorsicht und Maßnahme wird die Vorsichtsmaßnahme oder auch die Vorsichts-Maßnahme, wobei stilistisch nach einem Fugen-s üblicherweise kein Bindestrich gesetzt wird, da der Buchstabe schon die „Trennstelle“ (oder eher Klebestelle?) anzeigt. Bei zusammengesetzten Substantiven ohne Fugenelement (auch: Fugen-Element) ist der Bindestrich auch nicht verpflichtend, sieht aber weniger irritierend aus und kann gesetzt werden: Finanzkrise oder Finanz-Krise.

In keinem dieser Fälle ist aber eine Getrenntschreibung erlaubt. Vor allem im Marketing werden gerne „Produkt Neuheiten“ oder „Software Lösungen“ beworben. Oft hat das damit zu tun, dass ein Bindestrich ästhetisch nicht immer zum Banner oder Plakat passt und zu lange Wörter einem das Layout zerschießen oder (wenn die Abteilung mal wieder vom dummen Verbraucher ausgeht) den Leser irritieren können. Aus grafischer Perspektive ergibt der erste Einwand durchaus Sinn; sprachlich bleibt das aber dennoch falsch.

1.1: Der Bindestrich im Besonderen

Ein Bindestrich bietet sich dann an, wenn entweder eine Abkürzung an ein ganzes Wort gehängt wird oder zwei Sprachen aufeinander treffen. Ein ABS-System darf nicht getrennt geschrieben werden, und die Zusammenschreibung als ABSSystem sieht doch etwas doof aus, weswegen der Duden sich auch entschieden hat, bei Verbindungen mit Abkürzungen einen Bindestrich zwingend vorzuschreiben. Genauso sieht es mit der Installations-CD aus.

Das Aufeinandertreffen zweier Sprachen ist recht schwer zu definieren, weil oft noch ein Unterschied zwischen „echten“ Fremdwörtern und solchen gemacht wird, die schon Teil der Deutschen Sprache geworden sind. Softwarelösung und Managerposition sind zulässig, weil Software und Manager mittlerweile wie deutsche Wörter gebraucht werden, also Teil der deutschen Sprache geworden sind. Bei weniger umgangssprachlichen Begriffen empfiehlt sich ein Bindestrich zur Kenntlichmachung: Workstation-Einrichtung, Assessment-Center-Veranstaltung. Wo immer es möglich ist, wäre es stilistisch angebracht, schlicht auf die Zusammensetzung zu verzichten und den Satz umzustellen: Die Einrichtung der Workstation.

Generell ist ein Bindestrich dann verpflichtend, wenn aus einer nicht-zusammengesetzten Einheit (wie Vor- und Nachname hintereinander) eine zusammengesetzte wird, etwa wenn eine Straße nach einem Menschen benannt wird. Die Angela-Merkel-Allee ist eine Einheit; alle Bestandteile müssen miteinander verbunden werden, während man den Namen Angela Merkel ohne Bindestrich schreibt. Angela Merkel-Allee wäre falsch und könnte zudem für das Resultat einer Heirat zwischen Angela und einem fiktiven Herrn Allee gehalten werden, bei der ganz neumodisch die Nachnamen zusammengesetzt werden. (Herr Dr. Sauer, wenn Sie gerade mitlesen: Nein, ich weiß da nicht mehr als Sie. Das ist ein fiktives Beispiel. Legen Sie das Telefonbuch weg. Niemand will Ihnen Ihre Frau wegnehmen.)

Der Bindestrich ist auch dann wichtig und darf nicht vergessen werden, wenn ein Teil eines Wortes eigentlich mehrfach vorkommen würde, man sich die Wiederholung aber spart. Vor- und Nachteile ist eine Kurzform von Vorteile und Nachteile; der Bindestrich zeigt an, dass im ersten Wort noch etwas fehlt, das später im Satz nachgereicht wird. Genauso auch: Groß- und Einzelhandel, Im- und Export, Be- und Entladen nur bis 10 Uhr.

2: Verben

Verbindungen zwischen Verben und Substantiven werden im Regelfall getrennt geschrieben: Rad fahren, Schlittschuh laufen, Eis essen. Ausnahmen bilden hierbei Verbindungen, bei denen sich die Bedeutung im Vergleich zu den Einzelteilen stark ändert. Der Duden führt hier als Musterbeispiel teilnehmen an. An einer Veranstaltung teilzunehmen bedeutet etwas anderes, als sich auf dem Weg in die Umkleidekabine noch ein Teil zu nehmen (aber bitte nicht mehr als drei; steht doch da auf dem Schild, Mensch!)

2.1: Verben und Präpositionen/Adverbien/Adjektive

Wird eine Verbindung zwischen einer Präposition (Verhältniswort) und einem Verb gebildet, wird diese als ein Wort geschrieben. Neben dem Duden-Beispiel auffallen aus auf und fallen gibt es zahlreiche weitere, beispielsweise mitkommen, ansprechen, entgegensetzen. Die Präposition fungiert hier, wie auch Richtungsadverbien (vorangehen, herkommen, hinschauen) als Präfix (Vorsilbe). Ein Präfix wird nur dann durch einen Bindestrich getrennt, wenn eine besondere Betonung hergestellt werden soll, etwa bei hinsehen in folgendem Satz:

„Du sollst nicht nur so durch die Gegend sehen; du sollst ­hin-sehen und mir sagen, was dir auffällt!“

Hier wird ein Unterschied zwischen passivem Sehen und dem aktiven Hinsehen gemacht, weswegen der Bindestrich als Betonungsmerkmal gerechtfertigt ist.

Wie schon beim Teilnehmen weiter oben sorgt die Getrennt- oder Zusammenschreibung auch bei Verbindungen aus Präpositionen/Adverbien/Adjektiven und Verben für Klarheit, was genau gemeint ist. Ohne Stichwortkärtchen zu reden heißt frei sprechen; jemanden von einer Anklage zu befreien heißt freisprechen. Zu fliehen heißt davonkommen; erklärt man die Ursache für einen Sachverhalt, so sagt man, dass das davon kommt. Beispiele für Verbindungen mit Adjektiven, bei denen die Bedeutung Einfluss auf die Schreibweise hat, sind: kleinschneiden (etwas in kleine Teile schneiden), klein schneiden (besondere Betonung auf klein, steigerbar: Du sollst die Stücke noch kleiner schneiden); festtreten (Den Schnee festtreten), fest treten (jemanden mit viel Kraft treten).

Ein Spezialfall liegt vor, wenn sich zwei Verben in ihrer Bedeutung voneiander unterscheiden, diese unterschiedliche Schreibweise aber nicht alle Formen betrifft. Das Verb durchlaufen (Betonung auf der ersten Silbe, man läuft durch etwas hindurch) kann im Satzkontext getrennt werden: Der Geschäftsführer lief hier durch und besah sich die Produktionsstätte. Wird durchlaufen allerdings auf der zweiten Silbe betont, handelt es sich um ein anderes Verb: Die Krankheit durchlief unterschiedliche Stadien und führte schließlich zum Tod. Obwohl beide Verben in ihrer Grundform in einem Wort geschrieben werden, offenbaren sich die Unterschiede im Satzkontext.

2.2: Verben und Verben

Verbindungen aus Partizip an erster und Verb an zweiter Stelle werden getrennt geschrieben. Das Partizip I ist die -nd-Form eines Verbs (laufen, laufend); das Partizip II die ge-Form (stehen, gestanden). So kommt es, dass „getrennt schreiben“ getrennt geschrieben wird (Partizip II von trennen), „zusammenschreiben“ aber zusammengeschrieben, denn zusammen ist ein Adverb, womit die Zusammenschreibung gilt.

Auch bei Verb-Verb-Verbindungen gibt es Bedeutungsunterschiede, allerdings mit einem Unterschied zu den oben genannten. Bei Verb+Verb ist die Getrenntschreibung immer richtig, die Zusammenschreibung aber nur bei einer von zwei möglichen Bedeutungen. Ich persönlich empfehle daher, die Zusammenschreibung dann zu verwenden, wenn sie möglich ist. So gibt es immer einen klaren Unterschied zwischen den beiden Bedeutungen.

Sitzen bleiben (nur getrennt) heißt, in sitzender Position zu verbleiben. Dreht man in der Schule eine Ehrenrunde, kann das sowohl sitzenbleiben als auch sitzen bleiben heißen, weswegen ich letzteres immer „sitzenbleiben“ nenne. Genauso bei stehen geblieben (sich nicht wegbewegt haben) und stehengeblieben (an dieser Stelle z.B. mit dem Unterricht aufgehört haben; hier geht auch stehen geblieben).

3: Substantive und Präpositionen

Hier hilft in vielen Fällen nur das Nachschlagen im Duden. Obwohl aus an jemandes Statt das Wort anstatt geworden ist, das je nach Kontext Präposition oder Konjunktion sein kann und zusammengeschrieben werden muss, sieht es bei anstelle anders aus; hier kann man auch an Stelle schreiben. Ähnlich: aufgrund, auf Grund; infrage, in Frage; aufseiten, auf Seiten. Substantiv-Präposition-Verbindungen, die ausschließlich getrennt geschrieben werden können, sind selten: zu Fuß, zu Ende.

Die verwirrende Situation liegt nicht etwa an Willkür beim Duden-Verlag oder ausschließlich an den Sprachreformen der vergangenen Jahrzehnte, sondern hat ihre Begründung darin, dass der Duden sich am Sprachgebrauch orientiert, statt ihn vorzuschreiben. Die Schreibweisen befinden sich konstant in der Entwicklung, und sobald sich eine Änderung deutlich abzeichnet, wird sie auch von offizieller Seite übernommen. Einige Verbindungen halten sich aber hartnäckiger als andere, weswegen gerade bei Substantiven und Präpositionen noch ein extrem durchwachsenes Bild präsentiert.

4: Sonstiges

Nicht nur bei den unter 3. beschriebenen Verbindungen hat sich in letzter Zeit viel bewegt. Bis vor wenigen Jahren war es noch falsch, noch mal in einem Wort zu schreiben; einzig nochmals mit dem S am Ende war korrekt. Hier hat sich der Duden aber dem Druck der Öffentlichkeit gebeugt: nochmal ist seit Kurzem korrekt.

Ein anderes Wörtchen, neben noch( )mal, das oft in „Wie schreibt man das jetzt?“-Listen auftaucht, ist genauso. Dieses Adverb wird nur dann getrennt geschrieben, wenn das so eine besondere Betonung erhält: Du sollst das genau so machen, wie ich es dir zeige!

Dieser Artikel ist schon deutlich länger, als er geplant war, und bildet doch nur einen Bruchteil der Fälle ab. Ich habe mich bewusst auf Fälle konzentriert, die erfahrungsgemäß oft Verwirrung stiften. Einzelne Beispiele, die hier nicht erwähnt wurden, nehme ich in den Kommentaren gerne ins Visier, wenn es Vorschläge oder Fragen gibt. Für die ganz Interessierten folgt eine kleine Link-Liste mit den Quellen für diesen Artikel und einigen weiterführenden Zusammenstellungen.

(1) Getrennt- und Zusammenschreibung (Duden.de)
(2) Bindestrich (Duden.de)
(3) Faustregelsammlung zu Getrennt- und Zusammenschreibung (Orthografietrainer.net)

9 Comments on “Getrennt oder zusammen? Regeln und Ausnahmen im Deutschen

  1. Ja, da kommt man immer mal ins Grübeln!

    Ist es richtig:
    Das kann man aus dem Internet herunterladen.
    Das habe ich herunter geladen?

    Man schreibt auch oft downloaden, aber englische Wörter mit deutscher Endung mag ich nicht besonders.

    • Hi Jürgen,

      danke für deinen Kommentar. Bitte entschuldige die späte Antwort. 🙂

      In deinem Beispiel muss es „heruntergeladen“ heißen. Es handelt sich um eine Verbindung aus Richtungsadverb (das zur Vorsilbe wird) und Verb, muss also genau wie „entgegenkommen“ zusammengeschrieben werden.

      Englische Wörter mit deutschen Endungen mag ich übrigens auch nicht. 😉

  2. Hi Dominik,
    ist schon verrückt, ich habe gerade vor ein paar Minuten „heruntergeladen“ richtig geschrieben, ohne darüber nachzudenken. Manchmal ist es besser, nicht lange zu grübeln. Ich habe in der Schule noch die „alte“ Rechtschreibung gelernt, Jetzt frage ich mich oft: „Haben die das nicht mit der Rechtschreibreform, geändert?“ 😉

  3. Hallo Dominik,

    danke für deinen interessanten Artikel! Künftig schlage ich einfach in deinen Artikeln und nicht mehr beim Duden nach 🙂

    Viele Grüße und ein schönes Wochenende

    Markus

    • Danke für deinen Kommentar! Das muss dann aber ein sehr spezielles Problem sein, das du da hast – wenn man mal den Umfang des Dudens und die Zahl meiner Artikel vergleicht. 😀

      Auch dir ein schönes Wochenende, Markus!

    • Hallo Ulf,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Beim Korrigieren und Lektorieren ist das natürlich ein immer wieder aufkommendes Thema. Noch schwieriger Stelle ich mir aber spontane Fragen im Unterricht vor. „Herr Dingsda, wie schreibt man voran( )kommen?“ Oh-oh… 😀

      • Wo ist das Problem? Entweder ich weiß es oder ich sage, dass ich das nachschlagen muss. Am besten hat man immer einen Duden im Klassenzimmer und lässt das Schüler/innen dann gleich selbst nachschauen … Es geht einfach um Sensibilisierung dafür, dass man vieles nachschlagen muss. Selbst als Deutschlehrer.
        (Ich zücke im Zweifelsfall aber mein iPhone, auf dem der Duden drauf ist …)

        • Zitat: „Ich zücke im Zweifelsfall aber mein iPhone, auf dem der Duden drauf ist …“.

          Da musste ich gerade ziemlich lachen. Wie sich die Welt doch verändert hat … 😀

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