Interview über Prostitution

Interview: Melanie X

Geld regiert die Welt? Mag sein, ich glaube aber, dass Sex der Antrieb für fast alles ist. Trotz dessen unübersehbarer Wirkmacht wird die Arbeit von Frauen im horizontalen Gewerbe eher versteckt als Dienstleistung genutzt. Es liegt sogar eine unausgesprochene gesellschaftliche Ächtung vor. Bezahlen für erotische Dienstleistungen und darüber reden, wie über einen Arztbesuch, oder eine Fußmassage? In dieser Gesellschaft undenkbar. Woran das liegt? Ich würde immer auf „Erziehung“ und „Kulturkreis“ wetten. Es ist einfach unschicklich, im Freundeskreis über die 50-Euro-Befriedigung zu reden, die gestern so gut zwischen Frühstück und Mittagspause gepasst hat. Wie sich das Thema aus Sicht der Sex-für-Geld-Arbeiterinnen darstellt, soll das folgende Interview beleuchten.

Melanie, es gibt mehr als einen Namen für deinen Beruf. Welchen Begriff bevorzugst du?

Ich bevorzuge Prostituierte

Wie kam es zu deiner Entscheidung als Prostituierte zu arbeiten?

Diese Entscheidung habe ich bereits mit 18 getroffen – aus Geldmangel während meiner Lehre. Man hatte am Anfang des Monats schon kein Geld mehr. Als Prostituierte konnte ich mir eine vernünftige Existenz sichern und war unabhängig von zusätzlichen Geldern vom Staat wie Berufsausbildungsbeihilfe oder Wohngeld.

Meines Wissens gibt es für deinen Beruf keine Stellenausschreibungen. Wie findet man in dieser Branche Jobangebote und wie bewirbt man sich?

Ein Anschreiben im Sinne einer Bewerbungsmappe gibt es natürlich nicht. Jobs findet man über Freunde, die auch schon in dem Bereich gearbeitet haben. Ich selbst habe anfangs alle meine Termine über das Internet gelegt und meine Freier in eine Wohnung (die ich mir extra dafür angemietet habe) bestellt. Das war damals eine 3-Zimmer-Wohnung, die ich mir mit zwei anderen Frauen teilte.

Man wird nahezu überall ausgebildet, oder angelernt. Wie ist das in deinem Job? Wer bringt einem was bei?

Was das Lernen angeht, so ist es wie in jedem anderen Job auch: Frauen mit viel Erfahrung nehmen sich derer an, die neu sind, um bestimmte Situationen auf dem Zimmer alleine mit dem Freier durchzuspielen und um mit Ängsten aufzuräumen. Am Besten, man ist wie man ist und verstellt sich nicht. Zwischenmenschliche Gespräche und ein gewisses Feingefühl für bestimmte Situationen gehören natürlich auch dazu.

Jeder Job hat seine Fachsprache. Welche häufig genutzten Begriffe gibt es in deinem Beruf?

Es gibt in meinem Beruf natürlich auch Fachbegriffe wie z. B. Steige, was einfach nur bezeichnet, dass ich mit einem Mann von der Straße auf mein Zimmer gehe und er einen Service in Anspruch nimmt. Dann ist da das Kobern, was dem Mann seine verschiedenen Möglichkeiten auf meinem Zimmer mit mir klar macht. Selbstverständlich biete ich nur Dinge an, die mir Spaß machen. Ein weiterer Begriff ist das Bocken was einfach Glück für den Abend bringen soll – und natürlich viel Geld in meine Kasse.

Bocken geht wie folgt: Vor Arbeitsbeginn nehmen meine Kollegin und ich einfach ein Schnapsglas und füllen es mit Wasser oder Alkohol, je nachdem was man lieber mag. Dann halten wir beide Gläser aneinander, schauen uns in die Augen und sagen „Bock, Bock, Bock.“ Danach steht einer erfolgreichen Nacht nichts mehr im Wege. Häufig verwendet werden auch Schmiere (steht für Polizei), ein Halber ist ein 50-Euro-Schein und ein Kilo ist ein Hundert-Euro-Schein.

Wie war dein erster Tag als Prostituierte?

An meinem ersten Tag auf dem Strich kann ich mich noch ganz genau erinnern. Es war der 3. November 2012. Eiskalt und ein wenig windig. Als die Uhr 8 geschlagen hatte, stand ich auf der Straße. Gedanken gingen mir durch den Kopf. Was mache ich hier, die gucken ja alle, usw. Dann dachte ich, dass es doch gar nicht so schlimm ist. Ich stand einfach so da und sprach mit einer anderen Frau eine Handvoll ausgewählter Männer an und schließlich hatten wir Erfolg.

Kannst du dich an deinen ersten Kunden und seine Wünsche erinnern?

An den ersten Kunden auf dem Strich kann ich mich nicht mehr erinnern, aber was ich erinnere ist mein allererster Kunde, den ich auf meinem Apartment ein paar Jahre davor empfing. Er war sehr nett, wir hatten vorher telefoniert, ich hatte mir Bilder zusenden lassen und wusste, dass ich mit dem Service den er in Anspruch nehmen wollte, kein Problem hatte.

Er war Mitte 40 gebildet, besaß eine Hotelkette in Afrika und gab mir anstatt der vereinbarten 150 die Stunde gleich 300 Euro. Es war irgendwie komisch zu fragen ob ich das Geld haben kann, bevor er meinen Service in Anspruch nimmt. Dann ging die Stunde ganz schnell rum. Ich hatte immer noch kein unangenehmes Gefühl und da traf es mich wie ein Blitzschlag: Kaum war die Eingangstür geschlossen und er auf dem Heimweg, dachte ich mir wie blöd ich war, wirklich zu denken, ich könnte mit meinem erlernten Beruf Bürokauffrau irgendwann mal richtig viel Geld verdienen. Dann erkannte ich das es genau das war, was mir Spaß machte und der Spaß zahlte sich für mich nun auch noch aus. Ich habe damals weder in meinem Freundes- noch Familienkreis einen Hehl daraus gemacht was ich nun beruflich vorhatte. Warum auch, es ist ja mein Leben. Ich sagte allen was ich tat und ging meinen Weg.

Wie ist das mit den Männern? Sind die wirklich alle gleich?

Ich muss ein wenig lachen … Ja. Klar. Männer sind in einer Sache ziemlich gleich: Wenn sie geil sind, ist alles egal. Es zählt nur noch die Befriedigung.

Natürlich variieren die verschiedenen Vorstellungen auf dem Zimmer. Ich biete eine bestimmte Bandbreite an Services an. Was ein absolutes Tabu ist, sind Sachen ohne Schutz, Zungenküsse, Dinge, die mir weh tun könnten, oder jegliche Fantasien mit kleinen Kindern.

Es ist jedem, der mit mir auf meinem Zimmer verschwindet, nicht von Anfang an klar was er mag oder was nicht. Im Gespräch mit dem Freier finde ich schnell die passenden Vorschläge.

Viele Männer sind erstmal sehr verhalten, aufgeregt, schüchtern und trauen sich kaum etwas zu machen was wiederum auch normal zu sein scheint, denn es ist nunmal eine Situation mit einer Frau die man(n) nicht kennt, in einem Zimmer, das man nicht kennt und manchmal kennt ma(n)n sich selber kaum.

Über alles lässt sich reden, aber nicht alle Wünsche kann ich umsetzen, denn so manch ein Budget reicht nicht aus, um ein paar Stunden Spaß zu haben. Ich biete auch keine schnellen Nummern, sondern einen Rundum-Wohlfühl-Service mit Zeit für mehrere Runden und ab und an auch mal ein nettes Gespräch, denn schliesslich kann ich mich ja auch unterhalten, was für viele Männern wirklich wichtig ist.

Manchmal bin ich wahrscheinlich eher eine Therapeutin und gute Zuhörerin, als eine Prostituierte – aber auch das gehört (finde ich) zu meinem Job dazu. Viele Männer, die bei mir auf meinem Zimmer landen, fühlen sich zu Hause nicht mehr geliebt, haben Probleme in der Ehe, sind einfach nur unglücklich – und ja, auch das bekannte Ausheulen ist schon mehr als einmal vorgekommen. All das ist menschlich.

Hat sich dein Männerbild verändert, seitdem du diesen Job machst?

Ja, in dem Sinne, dass ich in der Freizeit die Männer, die ich sehe, in bestimmte Freier-Typen einstufe. Manchmal wirklich unbewusst sieht man jemanden und denkt sich der steht auf „die und die Sachen“. Man sieht es einigen Menschen einfach an.

Was hast du mit deinem angenehmsten Kunden erlebt – und was mit deinem unangenehmsten?

Ich kann mich leider nicht mehr an eine sehr angenehme oder sehr unangenehme Situation mit Freiern erinnern. Es gibt täglich Sachen bei mir, die schön und weniger schön sind und wo ich mir dann auch mal denke, „mein Gott, dieser Mensch, der jetzt nackig vor mir liegt, glaubt auch ich ekle mich vor nichts“.

Benehmen sich ausländische Kunden anders?

Für mich unpassende Kunden sortiere ich schon auf der Straße aus – um so wenig wie möglich potentielle Idioten auf dem Zimmer zu haben. Das heißt für mich schon mal, nur deutsche Männer, oder Englisch sprechende. Bitte nichts Schwarzes, Südländisches oder Männer aus dem Ostblock. Ich bin einfach wie ich bin und auf solche Art von Männern habe ich keine Lust. Wichtig zu erwähnen erscheint mir nur, dass Männer aus England, Schottland, oder Irland meist sehr bizarre Wünsche haben. Das betrifft den kompletten dominanten Bereich mit auspeitschen, Rollenspielen, verkleiden usw.

Hattest du schon mal einen „Idioten“ auf dem Zimmer?

Natürlich hatte ich schon Idioten auf dem Zimmer. Ihr Verhalten ist ganz typisch. Sie werden unhöflich, beleidigend, teilweise sogar aggressiv. Ich bitte sie dann zu gehen. Geschieht das nicht, wird die Security ihn aus dem Zimmer begleiten.

Ist es schon vorgekommen, dass du Freier gleich wieder vor die Tür gesetzt hast?

Das ist schon vorgekommen – weil mir ihre patzige Art nicht gefallen hat, sie beleidigend wurden, sie eingebildet sind und denken sie können mit Geld eine Frau kaufen und die macht dann alles was sie wollen. Einer hat mal in mein Waschbecken gepinkelt, anstatt nach einer Toilette zu fragen. Ich war kurz aus meinem Zimmer, kam wieder rein und der Freier hielt seinen Schwanz in mein Waschbecken, was bereits mit Urin gefüllt war. Auf die Frage ob er da jetzt rein gepinkelt hat, gab er mir dann als Antwort, dass ich das doch gewohnt bin. Den habe ich nackig aus dem Zimmer geschmissen. Die Schuhe hinterher – weil er das als Freier ja gewohnt ist.

Ich hatte auch mal eine Situation, wo ein Mann wollte, dass ich seine kleine Tochter spiele, die gerade 5 geworden ist. Ich habe das Gespräch dann unterbrochen und ihn rausgeschmissen. Ein anderer hat sich einen Dildo eingesteckt. In die Jackentasche. Einfach so. Der hat gedacht, ich merke das nicht. Der nächste hat mir mein Zimmer voll gekotzt. Ein anderer hat die komplette Toilette voll gepinkelt. Dann hatte ich mal jemanden, der sehr großkotzig war und sich mit Schuhen aufs Bett gelegt hat, Hose auf halb acht und meinte jetzt mach’ mal deinen Job …

Preise sind Verhandlungssache. Welche rufst du für mögliche Dienstleistungen auf?

Ich biete einem Mann bei mir auf dem Zimmer ein Rundum-Wohlfühl-Paket. Ich bin eine deutsche Frau und biete Qualität statt Massenabfertigung. Ich suche mir nur Leute von der Straße aus, die ich von ersten Blick her nett finde. Dafür langt mir ein 3-Sekunden-Blick ins Gesicht. Deshalb habe ich auch nicht jeden Tag einen Mann auf dem Zimmer, sondern manchmal auch gar keinen.

Die meisten die mit mir mitkommen, sind begeistert und lassen sich das auch einiges kosten. Preise von mehreren Hunderte Euro für ein paar Stunden sind daher keine Seltenheit. Ich hoffe, dass ich meinen Beruf noch lange ausüben kann – jedenfalls so lange, bis ich mir selber sage „Boah, du brauchst was anderes. Du bist zu alt“. Aber da ich ja im Inneren ein kleines Kind bin, kann das noch sehr lange dauern.

Mit welchem monatlichen Verdienst kann Frau als Prostituierte rechnen? Und welche Art von Kosten entstehen in welcher Höhe?

Der Verdienst ist sehr unterschiedlich, denn jeder Tag ist ein neuer Tag. Kosten sind dann die Steuern, die Miete für mein Zimmer und ganz normale Sachen zum Leben.

Hast du geregelte Arbeitszeiten? Wie sehen die aus?

Teilweise habe ich geregelte Arbeitszeiten. Auf der Straße darf ich nur von 20 bis 6 Uhr morgens stehen, weil es ein Anwohner-Gebiet ist und auch Schulbusse dort entlang fahren. Das wird kontrolliert durch die Polizei. Bei Verstößen gibt es hohe Geldstrafen. Ansonsten bin ich selbstständig. Ich bin quasi den ganzen Tag flexibel per Telefon erreichbar und mache auch Haus- und Hotelbesuche.

Welche persönlichen Eigenschaften helfen in deinem Job?

Frauen die sehr viel reden, Kontakt freudig sind, mit Menschen umgehen können, offen sind, Neues kennen zu lernen, teamfähig sind, sich gut anpassen können. Nicht zu empfehlen für Frauen, welche sehr schüchtern sind, ein Problem mit ihrem Körper haben, egoistische Frauen, Frauen mit Kindern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Jörn Daberkow

One Comment on “Interview: Melanie X

  1. interessantes Interview, Hut ab vor dieser Frau, da gehört wohl schon eine menge Mut dazu, diesen Beruf nicht vor der Familie und den Freunden zu verheimlichen, Respekt …

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