Mallorca im Januar

Mallorca im Januar

12. Januar 2018. Der Blick aus dem Fenster zeigt mir das Übliche. Einen strukturlos-grauen Himmel. Kahle Bäume. Nieselregen. Das kennt der Hamburger. Da ist er zu Hause. Morgen wird es anders sein. Sonne satt. Nicht hier. Auf Mallorca im Januar. Mit einem befreundeten Paar.

Mallorca im Januar

Im Flieger verteilen wir uns. Auf vier Sitze mit einem Fensterplatz. Während der knapp drei Stunden in der Luft wippen wir mit acht Füßen nervös auf dem Boden. Nach der Landung auf Mallorca fahren wir in einem Auto mit zwei Koffern auf einer vierspurigen Straße zu einem Kloster in den Bergen. Da werden wir in zwei unterschiedlichen Räumen an einem Gang zwei Nächte verbringen. Anschließend geht es für fünf Nächte zu einem Apartment mit drei Zimmern, zwei Schlüsseln und zwei Bädern in zwei Stockwerken, die über eine Treppe erreichbar sind. In dem Haus verteilen wir unsere sieben Sachen und freuen uns auf fünf Tage blauen Himmel.

Bis es so weit ist, müssen wir erstmal den Flug hinter uns bringen. Aus Platzgründen ist das durchaus herausfordernd. Weil kein Platz da ist. Wir sitzen in einer Dreierkonfiguration. Meine Frau am Gang. Ich an der Wand. In der Mitte eine unbekannte Frau. Alter? Um die Siebzig.

Die Sitze sind für Kleinkinder und halbe Personen konzipiert. Für einen ganzen Menschen wird es recht schmal. Die Enge wird durch unsere Sitznachbarin forciert. Ein optisches Persönchen, aber immer in Bewegung. Nach vorne, zur linken Seite, zur rechten Seite. Tasche aus dem Fußraum. Tasche in den Fußraum. Tasche aus dem Fußraum. Tasche …

Die Arme weit ausgreifend – wenn sie nicht die Lehnen vollständig vereinnahmen. Abstand scheint für diese Frau ein Fremdwort zu sein. Sie klebt an meinem Bein. An meiner Schulter, an meinem rechten Arm. Wenn sie mich anspricht, kommt mir ihr Gesicht befremdlich nahe. Als mir irgendwann ein genervter Laut entfleucht höre ich „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht belästigen“. Dabei drückt sie ihr linkes Bein an mein rechtes Bein. Distanz? Für sie ein Fremdwort.

Beim Autovermieter will sich auch keine Begeisterung einstellen. Obwohl wir in voller Absicht einen teuren Anbieter gewählt haben, werden uns nun auch hier hartnäckig zusätzliche Versicherungen „nahe gelegt“. „Alter! Haben wir alles. Über unseren Vermittler. Nein Digga, brauchen wir nicht. Wollen wir nicht. Kaufen wir nicht. Zum Mitschreiben: Haben. Wir. Alles. Schon. Gebucht! Nur nicht bei dir.“

Das Versicherungsgelaber nervt inzwischen dermaßen, dass wir in Zukunft genau schauen werden, ob wir wirklich ein Auto brauchen und falls ja, wie lange. In El Médano brauchen wir z. B. keins. Auf Mallorca nur außerhalb der Badesaison. Und wenn man spontan doch noch einen Wagen will, kann man den direkt beim Vermieter im Ort leihen.

Mittags treffen wir im Kloster Santuari de Santa Maria de Lluc ein. Unsere ersten Unterkünfte auf Mallorca entpuppen sich auch hier (wie schon bei Sant Salvador) als schön renovierte und schlichte Klosterzellen. Leider ohne Internet. Das gibt’s in einem Extra-Zimmer im Erdgeschoss. Das Haus fühlt sich ausgebucht an. Aber nur bis Sonntagabend. Seitdem sind wir die gefühlt einzigen Gäste im Haus. Gespenstisch!

15. Januar 2018. Ankunft in Can Picafort. Bei strahlend blauem Himmel und 22 Grad. Wahnsinn. Wir bewohnen ein zweistöckiges Haus, das etwa 15 Gehminuten vom Strand liegt. Die Lage ist sehr ruhig. Strand, Promenade und die erste Häuserzeile erinnern gleichermaßen an S’Arenal, S’Illot und Benidorm. Nur in drei Nummern kleiner. Die Sonne schafft es aus diesem Anblick eine schöne Atmosphäre zu zaubern. Nur als Stadtteil von Hamburg würde Can Picafort nicht funktionieren. Aber hier. Auf Mallorca. Mit Sonne und Meer. Hier ist es nett.

Die Unterkunft ist ruhig. Wir sind laut. Weil wir abends mit den Zähnen klappern. Dann wird es kalt und es gibt keine Heizung, die diese Bezeichnung verdienen würde. Nur eine kleine Klimaanlage, über der Küchentür. Die kann man auf warm stellen. Direkt darunter ist es herrlich. Ab und an bleibe ich unter dem Gerät stehen und trinke meinen Kaffee. So fühlt sich Mallorca an!

17. Januar 2018. Und los! Zum Cap Formentor. Kurzentschlossen. Völlig ungeplant. Eben gab´s noch den entspannten Kaffee zum Tagesbeginn. Danach wusste ich, dass ich losfahren will. Eigentlich war es schon zu hell. Ich bin trotzdem gefahren. Um neue Blickwinkel zu finden.

Nach rund 20 Minuten mit dem Auto bin ich am Aussichtspunkt Mirador Es Colomer angehalten. Von da aus ging es linker Hand in die Felsen. Leider habe ich nichts entdeckt, was man als Wanderweg bezeichnen könnte. Voran ging es trotzdem. Langsam. Die Strecke ist definitiv nur für sehr trittsichere und von Höhenangst befreite Wanderer geeignet. Man geht nahezu durchgängig über hohe, scharfkantige Felsen, die oft in Form unterschiedlich breiter Platten aus dem Boden ragen. Ich brauche knapp über eine Stunde, um den angestrebten Gipfel zu erreichen. Mit Wanderweg könnte man deutlich schneller oben sein.

Der Rückweg dauert ähnlich lange. Inzwischen ist der Tag etwas weiter fortgeschritten. Während meines Abstiegs mehren sich die ankommenden Autos. Die fahren ohne Ausnahme weiter in Richtung Leuchtturm. Dasselbe bei zwei vollen Bussen. Die hätte ich derzeit nicht hier oben erwartet. Aber immerhin: Wer im Januar früh aufsteht, hat diesen Teil Mallorcas noch für sich allein. Ab 9:00 Uhr füllt sich das Cap Formentor dann merklich mit Menschen …

Und dann kommt er doch. Der vorerst letzte Tag auf Mallorca. Ein Wechsel zwischen warm und kalt. Zwischen frieren und Wohlgefühl. Genauer: zwischen Mallorca und Hamburg. Bis 14:25 Uhr genießen wir die Sonne. Dann ist Boarding. Dann wird es kühl. Immerhin. Nur kühl. In Hamburg ist dann Winter. Da kommt kalt. So wird man zweistufig an das heimatliche Wetter herangeführt.

Worauf ich mich freue? Auf mein Bett, meine neuen Bilder in groß und die Heizung. Die funktioniert in der Hansestadt. Dank russischem Gas. Das ist das Beste! Leicht entzündlich. Lange brennend und bestimmt heißer als das amerikanische Pendant. Mit warmen Grüßen von Wladimir und Gazprom.

Und von mir.

Jörn Daberkow

PS: Weitere Reiseberichte und jeweils über 1.000 Bilder gibt es in meinen iBooks kontrastkammer und Reiseberichte.

6 Comments on “Mallorca im Januar

  1. Ich hoffe, die Erholung und Fotos vom Cap Formentor haben Euch für die Erlebnisse im Flugzeug und bei der Autovermietung entschädigt 🙂

    • Hi Markus,

      ja, das hat schon gepasst. Schöner wäre aber, wenn der Rest auch gestimmt hätte. 🙂

  2. Jörn, du weißt ja, wie gerne ich deine Reiseberichte lese. Geht er noch weiter? Irgendwie endet er etwas abrupt …

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