„So redet doch kein Mensch!“ – Exposition in Romanen und Filmen

Wir kennen diese Situation doch alle: Man liest ein Buch oder sieht einen Film und fühlt sich jäh aus der Handlung gerissen, weil man die Figuren und ihre Art zu reden für unrealistisch hält. Meist gelingt es nicht so recht, den Finger darauf zu legen, was genau den Dialog von lebensnaher Sprache unterscheidet; dann greift man gerne zum Ausruf: „So redet doch kein Mensch!“ Oft liegt das Problem darin, dass Fakten, die eigentlich in den narrativen Beschreibungstext gehören, Einzug in die wörtliche Rede halten. Diese Fakten dienen meist der Exposition – also der „Einführung des [Lesers oder] Zuschauers in Grundstimmung, Ausgangssituation, Konflikte, Zustände, Zeit, Ort und Personen des Stückes“.¹

Exposition in Romanen und Filmen

Roman- und Drehbuchautoren stehen vor einem Dilemma. Es gibt in beinahe jeder Handlung Vorkenntnisse, die alle in der Szene anwesenden Personen gemeinsam haben, die der Leser aber nicht kennt. Sie müssen irgendwie vermittelt werden. Im Roman ist das noch vergleichsweise einfach, denn hier können diese Informationen über narrative Passagen vermittelt werden.

„Ich habe vorhin mit Maria gesprochen“, murmelte ich unwillig. Mein Vater schrägte den Kopf, wissend, dass seine Schwester sich nur meldete, wann immer es schlechte Neuigkeiten gab. „Hermann ist im Krankenhaus.“

Eine Überraschung war das für den Alten nicht. Marias Ehemann soff, hurte und fraß, was das Zeug hielt; Krankenhausaufenthalte waren eher die Regel denn die Ausnahme.

Im Film lässt sich das mit Rückblenden oder, wie auch in manchen Romanen, mit einer außenstehenden Figur lösen: Eine Fremde, die weder Maria noch Hermann kennt, fragt im Anschluss an das Gespräch den Protagonisten, worum es denn da gerade ging. Hat die Handlung noch eine andere Verwendung für diese Fremde als nur Fragen zu stellen, die der Exposition dienen – umso besser.

Weil kein Platz für diese zusätzliche Figur ist oder Autoren Dialoge spannender finden als ewige Beschreibungen und Erzählungen, geschieht aber viel zu oft Folgendes (überspitzt dargestellt):

„Ich habe vorhin mit deiner Schwester Maria gesprochen. Ihr Ehemann Hermann ist im Krankenhaus, zum vierten Mal im letzten halben Jahr. Er säuft wie ein Loch, das weißt du ja.“

Es gibt innerhalb der Handlung keinen Grund (außer einer Demenzerkrankung, zugegeben), dem eigenen Vater noch einmal unmissverständlich klarzumachen, wie seine Schwester heißt und womit deren Mann seine Freizeit verbringt und seine Gesundheit ruiniert. Der Angesprochene weiß genau, um wen es sich bei den Personen handelt und welche Charaktereigenschaften sie haben. Der Leser weiß das nicht – und der Literaturschaffende wählt die denkbar schlechteste Lösung, dieses Wissen zu vermitteln.

Denn: So redet kein Mensch. Die Glaubwürdigkeit der Figuren leidet darunter, wenn von ihnen Gesagtes innerhalb der Handlung keinen Zweck erfüllt. Die vierte Wand zwischen dem Leser und den Figuren wird auf ungeschickte Art durchbrochen, indem die Charaktere zwar nicht mit dem Leser, aber nur für ihn sprechen, nicht füreinander. Offensichtliches wird erwähnt, von allen Beteiligten bereits Gewusstes wiederholt.

Es sind beileibe nicht nur Amateure und Nachwuchs-Schreiberlinge, die in diese Falle treten. Solche Missgeschicke unterlaufen beinahe jedem Schriftsteller ab und an, auch den sehr berühmten, manchmal allerdings deutlicher als üblich. Auslöser für diesen Artikel ist Seite 23 eines kürzlich erschienenen Romans, der sich damit rühmt, von einem Spiegel-Bestsellerautor geschrieben worden zu sein.

In „Dark Web“ von Veit Etzold unterhalten sich der Chef des KGB-Nachfolgers FSB und der Chefstratege des Kreml über die russische Geschichte. Dabei entspinnt sich folgender Wortwechsel:

„Hegemonie natürlich. Wir haben sie 1989 verloren. 1991 haben wir noch einmal versucht, mit Hilfe des KGB diesen Säufer von Jelzin wegzuputschen.“

Ivanow nickte bitter. „Wir haben verloren. Der Coup misslang, und der KGB wurde aufgelöst.“²

Zwei Männer, die alle Geheimnisse Russlands kennen, geben einander Nachhilfe in Geschichte – und der eine erklärt dem KGB-Nachfolger-Chef, wann der KGB aufgelöst wurde, als wäre es eine bahnbrechende neue Erkenntnis.

Würde ich einen Roman an einen Verlag schicken, würde man mich vermutlich auf zweiundvierzig unterschiedliche Fehlerkategorien hinweisen, in denen ich jeweils die volle Punktzahl erreiche – aber selbst ich weiß: So redet doch kein Mensch.

Hier ein exklusiver Auszug aus meinem Debüt-Roman:

„Frau Kanzlerin“, begann er mit sorgenschwerer Miene. „Die Deutsche Demokratische Republik zerbrach endgültig, als am neunten November 1989 die Mauer nach achtundzwanzigjährigem Bestehen fiel. Für die Menschen in der-„

Angela unterbrach mit höchst irritierter Miene. Die Mundwinkel sanken noch weiter gen Kinn als üblich. „Das weiß ich doch, Mensch. Halten Sie mich für hirntot?“

„Die Raute der Macht“ mit dieser und weiteren spannenden Passagen erscheint am 9.11.2017 im Honecker-Verlag für €19,89.

Quellen:

[1]: Exposition (Literatur) – Wikipedia

[2]: Veit Etzold. Dark Web, Droemer-Knaur, 2017; S. 23.

4 Kommentare

  1. Mathias
    17. Februar 2017

    Dazu fällt mir ein Gag von Michael Mittermaier ein (Kurzfassung). Er geht mit seiner Freundin ins Kino ein Action Film, nach 15 Min lästert seine Freundin der Film ist ja voll Realistisch … Darauf Mittermaier der Film heißt ja auf der Flucht und NICHT gefangen in 5 Min … 🙂 Wenn man möchte findet man überall Fehler!

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    1. Dominik Raab
      17. Februar 2017

      Hi Mathias,

      danke für deinen Kommentar! Ich finde, es gibt einen großen Unterschied zwischen Realismus (Vergleich zwischen der fiktionalen und der realen Welt) und innerfiktionaler Glaubwürdigkeit. Mit ewig langen Schießereien, bei denen nie die Munition ausgeht, habe ich im Sinne des Actionkinos gar kein Problem. Wenn Figuren sich aber innerhalb ihrer Rolle unrealistisch verhalten… Naja.

      Ich bin Klugscheißer und stolz drauf. 🙂

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  2. Stefan
    17. Februar 2017

    Das fällt mir ja teilweise besonders in manchen Serien auf…

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    1. Dominik Raab
      17. Februar 2017

      Hi Stefan,

      ja, in Serien ist das teilweise noch krasser, weil so ein Gespräch gerne mal beinhaltet, was vor drei Folgen passiert ist. Da ahnt man als Zuschauer nicht nur, dass alle Anwesenden schon wissen, was passiert ist – man weiß es, weil man es gesehen hat…

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