Wie der native speaker den Deutschen erkennt

Deutsche haben keinen Humor, sind fleißig, befolgen alle Regeln und stehen auch nachts um drei brav vor der roten Ampel, selbst wenn die Straße gähnend leer ist. So weit, so bekannt. Aber auch an ihrem Englisch erkennt man sie, und das nicht nur wegen des verräterischen th-Lauts. Selbst Deutsche, deren Englisch sehr gut ist, tappen in diese Fallen. Schlimm ist das nicht – aber interessant. Falls jemand die E-Mail-Adresse vom Öttinger hat: Bitte weiterleiten. Der braucht nach der „Schlitzaugen-Affäre“ eh mal Ablenkung.

Wie der native speaker den Deutschen erkennt

Das Schlimmste zuerst: Zis is your Käptn spieking

Kaum ein Merkmal des Englischen bringt den Deutschen so sehr in Bedrängnis wie das elende th. Und von denen gibt es sogar zwei! Beide werden bei deutschen Sprechern des Englischen zu einem S- oder F-Laut und verraten sofort, woher sie kommen.

Der thorn-Laut, (im International Phonetic Alphabet: θ) ist einem Lispeln gar nicht so unähnlich. Er wird gebildet, indem man die Zungenspitze an die oberen Schneidezähne legt und ordentlich Luft ausstößt. Englischlehrer sagen gerne: „Tut so, als würdet ihr mich anspucken!“ Die Betonung liegt auf „tut so“. Dieser Konsonant, der in häufigen Wörtern wie thick und in Namen wie Theodore vorkommt, wird stimmlos gebildet, das heißt ohne Vibration der Stimmbänder.

Die stimmhafte Alternative dazu (hier vibrieren die Stimmbänder fühlbar; Hand an den Hals und nachmachen!) verbirgt sich unter derselben Schreibung, klingt aber weicher. Er kommt in they vor, aber auch in brother und father. Das IPA-Symbol dazu ist folgendes: ð. Selbst Englischlerner, die das stimmlose th tadellos aussprechen können, verwechseln die beiden Varianten oft.

Mütze statt Taxi: Die deutsche Auslautverhärtung

Die th-Problematik ist wohlbekannt und steht im Fokus. Fragt man einen Deutschen, wie gut ein anderer Deutscher Englisch spreche, wird der Gefragte wohl am meisten auf das th achten und andere Probleme womöglich gar nicht erkennen. Dabei gibt es noch weitere.

Das Deutsche hat eine Eigenart, die den meisten Muttersprachlern gar nicht auffällt. Steht am Ende eines Wortes ein weicher Konsonant, etwa ein D, wird er im Deutschen fast (oder ganz) wie die harte Variante, in diesem Fall T, ausgesprochen. Der Hund klingt, auch wenn uns das nicht bewusst ist, nach „Hunt“.

Im Deutschen ist uns das egal, weil daraus keine Missverständnisse entstehen. Im Englischen aber gibt es viele sogenannte Minimalpaare, also zwei Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung, die sich nur durch einen Laut voneinander unterscheiden. Oft ist dieser Unterschied am Ende eines Wortes anzutreffen und liegt in der Unterscheidung zwischen weichen und harten Konsonanten.

Weil der Deutsche es von seiner eigenen Sprache gewohnt ist, wird er die englische Tasche, bag, so aussprechen wie den englischen Rücken, back. Statt eines Taxis (cab) wird so gerne mal eine Mütze oder ein Flaschenverschluss (cap) bestellt, die Laune (mood) eines Menschen wird zu einer fraglichen (moot) Angelegenheit, und der Angler mag sich wundern, weshalb sein deutscher Kollege eine Hütte oder ein Kinderbettchen (beides cot) statt eines Kabeljaus (cod) aus dem Wasser gezogen hat.

Himmelsrichtungen zum Anziehen: Hyperkorrektur

Hat ein Deutscher einen Laut gelernt, den es in seiner Muttersprache nicht gibt, benutzt er ihn gerne – auch dann, wenn er ihn gar nicht braucht. Im Laufe des englischen Spracherwerbs bemerkt man schnell, dass das englische W sich vom deutschen W unterscheidet und fast wie ein U klingt. Deshalb wird es in der englischen Sprachwissenschaft mitunter auch als Halbvokal bezeichnet.

Doof nur: Das gilt wirklich nur für das W, nicht für alle w-ähnlichen Laute. Wann immer im Englischen ein W steht, kommt diese Aussprache zum Einsatz – nicht aber, wenn dort ein V steht. Dieses spricht man wie das deutsche W.

Auch hierzu gibt es Minimalpaare; ein sehr bekanntes besteht aus dem Westen (west) und der amerikanischen Weste bzw. dem britischen Unterhemd (beide vest). Aber auch, wenn es das betreffende Wort gar nicht in einer W-Ausführung gibt, klingt die Hyperkorrektur von z. B. vase zu *wase für englische Ohren höchst befremdlich, zumal die falsche Variante dann wie das Wort ways klingt.

Hyperkorrektur ist im Übrigen nicht nur ein Phänomen beim Fremdspracherwerb. Sie kann auch innersprachlich stattfinden, wenn ein Dialektsprecher sich etwas zu sehr um „Hochdeutsch“ bemüht. Ein Süddeutscher, der die Infinitivendung üblicherweise verschluckt (bringe statt bringen, mit fast unhörbarem E), fällt einem Norddeutschen sofort auf, wenn er ganz enthusiastisch „bringEN“ brüllt.

Man versteht uns trotzdem

Das Vorangegangene soll aber keinesfalls heißen, dass ein native speaker uns ums Verrecken nicht versteht. Diese Eigenarten eines deutschen Muttersprachlers werden mal bewusst, mal unbewusst zur Kenntnis genommen, stehen einer erfolgreichen Verständigung aber selten im Weg.

So oder so: Wenn man nicht gerade zweisprachig aufgewachsen ist, wird man den Einfluss der Muttersprache nie vollständig los. Ich hoffe, ich habe dennoch hilfreiche Hinweise an die Hand gegeben, wie man die gröbsten Schnitzer mit wenig Aufwand vermeiden kann.

2 Comments on “Wie der native speaker den Deutschen erkennt

  1. Sehr nett geschrieben. Ich bin nur ein wenig zwiegespalten, ob ich mir deine Empfehlungen zu Herzen nehmen sollte … Wenn ich mir so überlege, wie ich es finde, wenn ein Franzose oder Niederländer zu mir redet … süß … dieser Akzent … Könnte ich ewig zuhören … Ob das den Britten mit dem „th“ vielleicht auch so geht? Grins.

    • Danke für deinen Kommentar, Lotta! Lass es mich so sagen: Die meisten Briten und Amis, die ich kenne, denken bei einem deutschen Akzent an Weltkriege. 😀

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