Jörn Daberkow

Zwangsbeschallung im öffentlichen Raum

Neulich im Fahrstuhl: Ein sanfter Groove rhythmisiert die zweistöckige Abfahrt. Unfreiwillig beschwingt verlassen wir das Parkhaus, wechseln die Straßenseite und erreichen wenig später das Frühstücksrestaurant in der Stadt. Hier nimmt die Musik den verlorenen geglaubten Faden wieder auf. Fast möchte ich die Bissen im Takt zum Mund führen. Mit dem Müsli warte ich noch bis zum Refrain.

Zwangsbeschallung im öffentlichen Raum

Als Ex-Gitarrist höre ich zuerst das einsetzende Solo. Es perlt über die Akkorde. Töne vereinigen sich zu Melodien. Arrangements werden zu Songs.

Iss. Kaue. Schlucke. Iss. Kaue. Schlucke.

Meine Gedanken orientieren sich an den Noten und gleiten ins Belanglose. Nehme ich einen Kaffee, noch eine Portion Rührei, oder doch lieber Mozzarella mit Tomaten? Egal. Die Matrix weiß was ich mag und sorgt dafür, dass ich es bekomme. Oder eben nicht.

Iss. Kaue. Schlucke. Iss. Kaue. Schlucke.

Zwei Becher Kaffee haben Konsequenzen. Das stille Örtchen im Souterrain entpuppt sich als gekachelter Konzertsaal. Aus betriebstechnischen Gründen halte ich meine Hüften still. Nein, schwingen Sie bitte nicht hin und her!

Satt. Warm. Zufrieden. Satt. Warm. Zufrieden.

Ich brauche noch was Süßes und reihe mich abermals in die hungrige Schlange ein. Eine Schüssel Milchreis. Die bohre ich mit Erdbeerquark und Obststücken auf.

Iss. Kaue. Schlucke. Iss. Kaue. Schlucke.

Eigentlich war ich schon vor zehn Minuten satt, aber ich brauche noch mal salzig. Meine vor vielen Jahren in harter Arbeit ausformulierte Lebensweisheit bewahrheitet sich auch an diesem Tag: „Salzig muss immer mit bei sein!“

Satt. Warm. Zufrieden. Satt. Warm. Zufrieden.

Satt. Warm. Zufrieden? Alter! Der Hunger war schon vor 30 Minuten gestillt. Ist mir ein Rätsel, warum ich immer noch stopfe. Fast wie bei den Kühen im Stall. Die geben mit Musik mehr Milch. Hier ist es umgekehrt. Alle stopfen mit Musik noch mehr in sich rein.

Eine Woche später in Kalifornien

Nein, nicht die USA. Kalifornien an der Ostsee. Gleich neben Brasilien. In einem Hotel mit schönem Meerblick.

Am Frühstückstisch groovt es auch. Wieder. Es gibt kein Entrinnen. Sanfte Flächen, dezente Drumloops und klare Gitarrensounds kulminieren in mir zu Mordlust. Ich schneide das Rührei in exakte Scheiben und stelle mir vor, dass es in Wirklichkeit die Stereoanlage des Hauses ist, die ich umbringe und genüsslich im Rhythmus der Musik zersäge, während sie ihre letzten vornehmen Töne aushaucht.

Dabei lasse ich mir Zeit. Harmonien sollen nicht urplötzlich abreißen. Das ist nicht mein Plan. Ich möchte das Schlachtfest genießen. Nach und nach dünne ich mit meinen tonalen und mechanischen Schnittwerkzeugen das Arrangement aus.

Zuerst den Flächensound, der alles mit seinen Wohlfühlnoten zudeckt. Ich entreiße der „Musik“ das süßliche Tuch, mit dem sie mich benebeln will. Übrig sind der 2-taktige Schlagzeug-Loop, die Basslinie und die Querflöte.

Nun die Drums. Cut! Herrlich. Was nach dieser zweiten OP übrig bleibt zeigt, wie wenig Substanz diese Fusion aus glattpolierten Geräuschen wirklich hatte.

Der „Musiker“ ist bei der Produktion dieses Nichts vermutlich ins kreative Koma gefallen. Aber vielleicht war es auch ganz anders und ein solches kreatives Koma ist die zwingende Voraussetzung zur Erstellung dieser Lautfolgen.

Plötzlich ein Sprecher. Erst denke ich, dass der zum Arrangement gehört. Salbungsvolle Botschaften und so. Im Sinne von „Lehnen sie sich zurück. Wachen Sie nicht auf!“

Aber nein. Da kommen irgendwelche Infos über die noch intakten Kanäle der Stereoanlage! Es dauert etwas, bis ich aus meiner Mordfantasie auftauche. Ich höre noch ein …

„… erhältlich bei iTunes.“

Meine Gänsehaut spricht Bände, oder in einem Satz: Danke für die Warnung! Ein letztes Mal setze ich das Messer an. Dann ist Ruhe. Hoffentlich für länger …

Jörn Daberkow

Kategorien Weltliches

Fotografie und Musik sind ein substanzieller Teil meines genetisches Codes und keine freie Entscheidung.

4 Kommentare zu “Zwangsbeschallung im öffentlichen Raum

  1. Jürgen Drogies

    Das hast du sehr schön beschrieben 🙂 Und sehr lustig, wenn man es selbst nicht ertragen muss.

    Mein schlimmstes Erlebnis war eine längere Wartezeit beim Augenarzt mit Wartezimmer-Beschallung. Da lief so eine „beruhigende“ Instrumentalmusik. So stelle ich mir diese New-Age-CDs vor die es manchmal an der Drogerie-Kasse gibt, „Gesang der Korallen“ oder so. Das hat auf die Dauer tierisch genervt!

    Schöne Ostergrüße,

    Jürgen

    • Jörn Daberkow

      Hi Jürgen,

      ja, solange man das nicht selbst erlebt, ist es immer nur halb so schlimm. 🙂

      Schöne Ostergrüße zurück

      Jörn

  2. Hofmann Christoph

    Danke für die treffende Formulierung! Hat sicher sehr viel Mühe gekostet und ist super gelungen!

    Das Problem ist, dass die meisten Leute musikalisch gesehen Idioten sind und gar nicht mitkriegen, was da eigentlich „gespielt wird“. Du hast das echt wunderbar auf den Punkt gebracht!

    „Menschenrecht auf Stille“ und „Rechtsanspruch auf das Abschalten det Zwangsbeschallung“ – ich wäre sicher unter den ersten, die da unterschreiben!

    Schöne Grüsse und weiter so!

    Christoph – Ebenfalls Gitarrist

    • Jörn Daberkow

      Hallo Christoph,

      willkommen auf kontrastkammer. Danke für deinen Kommentar und den Zuspruch! Ja, dieser allgegenwärtige Lärm nervt. Dasselbe mit diesen ätzenden Laubgebläsen. Furchtbar.

      Jörn

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