Bulbjerg

Zwei Autos, vier Männer, 80 Eier

Dienstag, der 16. Mai 2017. Der Urlaub ist gebucht. Gerade eben. Wir wollen gemeinsam verreisen. Wir, das sind Anjo, Dorian, Torsten und ich. Diesmal keine österreichischen Berge. Das Meer ruft. Auf nach Dänemark. Wir wollen Brandung, Sand und Smørrebrød!

1. Juli 2017. Während der Anreise treiben wir einen schwarzen Mercedes CLS mit 408 PS und einen Land Rover mit 265 PS über die gefühlt endlose Autobahn gen Norden. Beide Fahrzeuge wollen wir vor dem Grenzübertritt bis zum Anschlag mit Futter und Getränken beladen. Auf das wir täglich in einen vollen Kühlschrank schauen können. Ohne nochmal einzukaufen. Das würde unseren Flow stören. Unseren Slow-Flow. Das wollen wir nicht. Einkaufen als No-Go. Wörtlich. Wir wollen nur örtlich.

Unsere Unterkunft? 161 qm Wohnfläche. 100 Meter vom Strand. 4 Schlafzimmer. 2 Bäder. 1 Terrasse. Und WLAN! Im Gegensatz zum TV unverzichtbar.

Ausflugspläne haben wir ich auch: Bulbjerg, Nationalpark Thy, Skagen und Rubjerg Knude. Letzteres ist in meinen Augen ein Weltklasse-Motiv. Ich habe es schon mehrfach aufgenommen, war mit den Ergebnissen jedoch nie zufrieden. Vielleicht klappt es ja in dieser Woche …

Ansonsten werden wir uns in der Hauptsache von der Unterkunft zum Strand bewegen. Und wieder zurück. Und wieder zum Strand. Und wieder … Und dazwischen? Grillen, schlafen und saufen (mehr Mineralien, weniger Cerealien!). Was 4 Männer im Urlaub halt so tun!

Von links nach rechts: Torsten, Anjo und Dorian.

Männer

Was diesmal fehlt? Das Publikum! In Österreich hatten wir bei nahezu jeder Gelegenheit dankbare Zuschauer und Zuhörer. Vor allem wenn ich gegenüber den „schweren Jungs“ mal wieder meinen Job als Bewährungshelfer in Erinnerung rufen musste. Da wurden die Ohren gespitzt. Da wurde die Nachbarschaft hellhörig.

Was ich auch nicht vergessen habe, sind die gemeinsamen Getränkerunden draußen auf der Hotel-Terrasse – und die legendäre Sicherheit meiner Kameratasche. Immer wenn ich mal „ums Eck“ musste, oder mir von oben aus dem Zimmer was holen wollte, war ich drauf und dran, mein Equipment mitzunehmen. Ich hörte dann immer: „Papa, lass die Tasche stehen. Die ist bei uns sicherer als bei dir“. Wenn ich mir die drei 100-Kg.-XXL-Kerle dann angesehen habe, schien mir das irgendwie glaubwürdig.

Dicht vor der dänischen Grenze verlassen wir die Autobahn und kaufen ein. Für die ganze Woche. An der Kasse macht das 470 Euro und auf dem Parkplatz einen randvollen Land Rover. Insgeheim frage ich mich, welche Fußballmannschaft die verladenen Getränke in knapp 7 Tagen runterkippen soll. Wäre da nicht der hochprozentige Alkohol, könnte man mit der gekauften Menge auch ein brennendes Haus löschen.

Wieder auf der Autobahn. Knapp hinter der dänischen Grenze. Polizeikontrolle. Von vorne höre ich im Chor „Wetten, die winken uns raus?“

Gut geraten dachte ich bei mir, als der Arm des Polizisten auf die Ausfahrt wies. Die Kombination aus tiefgelegtem, breitbereiften, schwarzlackierten CLS und den volltätowierten Oberarmen auf der Fahrerseite schien wohl irgendwie verdächtig. Für was auch immer. „Ihre Ausweise bitte!“

„Kein Problem!“ wollte ich vom Rücksitz aus in den Raum stellen, hörte vor mir aber ein „hab ich nicht dabei.“ Das Überraschungsmoment saß entspannt auf der Beifahrerseite.

Der Polizei-Däne klärte uns in gemischtem Deutsch-Englisch darüber auf, dass wir ohne Ausweis nicht einreisen können. Dem offenbar verblichenen Schengener Abkommen schickte ich in Gedanken ein „Friede seiner Asche“ hinterher. An dieser Stelle sah ich mich schon wieder zu Hause schlafen. In Hamburg. Auf meinem Lieblingskopfkissen, das ich daheim vergessen hatte. Doch wieder wurde ich überrascht. Meinen Söhnen gelang es offenbar, dem Staatsdiener glaubhaft zu versichern, dass wir keine gewaltbereiten Hamburger sind, die extra nach Dänemark reisen, um hier Straftaten zu begehen. Wir durften weiterfahren. Das taten wir dann auch. 3 Stunden lang. Bei Tempo 120. Ohne Berg und Tal. Immer geradeaus.

So endlos die Strecke schien – irgendwann erreichten wir unser Ziel dann doch. Was folgte war (stark verkürzt) Autos aus- und Gepäck einräumen, das mitgebrachte Grill-Equipment zusammenbauen, die Holzkohle entzünden Vogelfleisch und Rind garen und verzehren. Getränke einnehmen. Der Abend klang etwas beschwipst aus.

Getränke

2. Juli 2017. Bulbjerg. Heute durfte ich einen jener Momente erleben, die man sich immer wünscht, aber nur selten bekommt. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die besten fotografischen Minuten des Jahres. Licht in seiner schönsten Form. Und beide Kameras dabei.

Während wir auf den Parkplatz rollten, sah ich den hellen Bereich wandern. Der Sturm trieb dunkle Wolken an der Sonne vorbei. Ich bin gerannt, weil ich diesen Moment unbedingt einfangen wollte. Den blendend hellen Strand und die weiße Gischt der Wellen unter dem dunklen Himmel. Der Wahnsinn. So wie der Sturm. Der riss mir die Brille vom Gesicht. Im hohen Gras habe ich sie gerade noch wiedergefunden.

Der Abend klingt gegen 1 Uhr nachts aus. In den frühen Morgenstunden des Tages sah ich mehrfach perfektes Fotolicht durchs Fenster scheinen. Zum Aufstehen hatte ich nicht die nötige Kraft. Gegen 8:30 Uhr rolle ich mich doch noch aus dem Bett. Der Kaffee ruft. Anschließend ist Regen. Dieser Tag endet wie er angefangen ist. In der Unterkunft.

Am Frühstückstisch fällt eine launige Anmerkung zum Thema schnarchen. Offenbar schlafe ich von uns allen am Lautesten. Kann ich mir gar nicht vorstellen! Das würde ich doch hören!

3. Juli 2017. Rubjerg Knude. Von der Unterkunft brauchen wir fast zwei Stunden bis hierher. Die Bedingungen? Genial und herausfordernd. Man sieht es schon von Ferne: Der Sturm „nebelt“ die riesige Düne ein. Vor Ort fliegt einem der Sand permanent in die Augen. Was zunehmend unangenehm wird, sieht fantastisch aus. Solche Bedingungen habe ich mir zum Fotografieren gewünscht! Ich will den Leuchtturm im Rücken haben und sehe plötzlich, dass innen eine neue Treppe installiert wurde. Da ist Widerstand zwecklos. Die Aussicht will ich haben! Die Stufen wurden aus Gitterrosten gefertigt. Von unten sieht man bis oben und von oben bis unten. Die Aussicht auf die Umgebung ist grandios. Der reine Wahnsinn.

Fotografisch ist es der zweite perfekte Tag in Folge. Besser geht es kaum. Nur die mit Mauersteinen verlegten Namen am Boden der Düne nerven mich. Warum müssen sich Menschen überall verewigen – egal, ob mittels Steintürmchen, oder namentlich? Ich hätte dieses Wunder der Natur gern möglichst unberührt eingefangen.

Die letzten Tage in Dänemark vergehen recht chillig mit Nichtstun. Zumeist sehen wir auf unseren mobilen Endgeräten verstört dabei zu, wie Hamburg (gefühlt) zu einem Bürgerkriegsgebiet wird.

Ich finde es absolut berechtigt und wichtig (möglichst täglich), gegen die aktuelle Form des Kapitalismus und die neoliberalen Umbauten unserer Gesellschaft zu demonstrieren. Was diesbezüglich (nicht nur) in diesem Land passiert, ist abscheulich. In meinen Augen ist es sogar ein Verbrechen. Was aber an brennenden Autos und eingeschlagenen Scheiben Kapitalismus-Kritik sein soll, verstehe zumindest ich nicht. Da gibt es allerdings auch andere Meinungen

Jörn Daberkow

PS: 80 Eier? Ganz einfach. Wir essen alle gern Rührei und haben mal so überschlagen, wie viele jeder von uns zum Frühstück zu sich nimmt und wie lange wir auskommen wollen. Daher die 80.

Kategorien Reisen

Fotografie und Musik sind ein substanzieller Teil meines genetisches Codes und keine freie Entscheidung.

16 Kommentare zu “Zwei Autos, vier Männer, 80 Eier

  1. Hört sich nach jeder Menge Spaß an! Auf die Fotos (der Landschaft *grins*) bin ich gespannt.

    • Jörn Daberkow

      Hi Markus,

      mehr von der gesehenen Landschaft zeige ich in meinem kommenden iBook. Das dauert aber noch etwas.

  2. Das Titelbild ist wirklich grandios – ich hoffe, da gibt es bald mehr zu sehen. Das Getränkestillleben finde ich dagegen eher befremdlich … Vielleicht würde ich mal am Whiskey nippen, aber den Rest (außer der einen Wasserflasche) würde ich links liegen lassen.

    Tja, bin wohl doch kein richtiger Mann – wahrscheinlich allein schon, weil ich nicht auf 20 Eier in ein paar Tagen kommen würde. Sozusagen ein Weichei …. Aber amüsant war der Blick in die andere Welt in jedem Fall.

    Gut geschrieben, Jörn.

    • Jörn Daberkow

      Hallo Ulf,

      das Titelbild ist vom Bullbjerg entstanden. Das war ein umwerfender Ausblick. Einfach fantastisch. Danke für dein Lob zu meinem Text.

    • Dem möchte ich mich anschliessen. Das Titelbild ist wahrlich grandios und gut geschrieben.

      • Jörn Daberkow

        Hallo Peter,

        vielen Dank! Ich bin ja ein Fan deiner alten Heimat. Hier sollte es mal was anderes sein. War’s dann auch. Mal schauen, wohin es uns im nächsten Jahr verschlägt. Einige Vorschläge sind schon gefallen. Moskau. Mallorca. Island. Mal sehen …

  3. EutinOH

    Oh man, da wäre ich gerne dabei gewesen, btw. schnarchen: Ich schnarche nicht, bin extra mal eine ganze Nacht wach geblieben, um das zu kontrollieren … 😉

  4. Schön geschriebener Bericht. Klingt nach einem richtig guten Männerurlaub. Ein paar Fotos würde ich genau wie Ulf gerne sehen. Und Ulf: Alkohol definiert keinen Mann 😉

  5. Schöner Reisebericht! Hat Spaß gemacht, ihn zu lesen 🙂 Bin auch schon gespannt auf die Fotos. Und hin und wieder braucht MANN mal einen Kurztrip mit seinen Jungs um den Kopf frei zu blasen 😀

  6. Hi Jörn,

    sehr schön und unterhaltsam geschrieben, außerdem ein phantastisches Foto. Wie Ihr den Grenzbeamten überzeugt habt, ohne Ausweis weiterfahren zu dürfen, hätte ich aber doch gerne etwas ausführlicher erfahren.

    Viele Grüße
    Andreas.

    • Jörn Daberkow

      Hallo Andreas,

      danke. Freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat! Das mit dem Grenzer müsste ich meine Söhne mal fragen. Deren Worte sind irgendwie an mir vorbeigegangen.

      Jörn

  7. Ja, habt Ihr den Grenzer bedroht, bestochen (mit einigen der Eier?), mit dem Hinweis auf Schengen überredet oder vielleicht an sein Mitgefühl appelliert? Das musst Du doch mitgekriegt haben.

    • Jörn Daberkow

      So, der hat meine Söhne gefragt, was wir denn in Dänemark wollen. Antwort: Urlaub machen. Nach einem deutlichen Hinweis in Sachen „nächstes mal den Ausweis nicht vergessen!“ durften wir dann weiterfahren.

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